LGBTI-inklusive Menschenrechtsarbeit im südlichen Afrika — das Masakhane Projekt

Web-Talk mit Aktivistinnen aus Botswana, Zimbabwe, Lesotho und Südafrika im Rahmen der Gesprächsreihe. “Leave no one behind! Entwicklungszusammenarbeit und LGBTI-Perspektiven” am 23. September 2020. Masakhane ist das größte je vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geförderte Projekt für lesbische Frauen und Transpersonen. 2014 vom LSVD und filia.die frauenstiftung initiiert wird es vom BMZ finanziert. Es wird in den Jahren 2018–2021 unter dem Titel „Menschenrechte im südlichen Afrika durch Stärkung von NGO-Aktivistinnen voranbringen – mit dem Fokus Frauenrechte und LGBTI-Rechte fortgeführt.

Gesprächsdokumentation des Web-Talks vom 23. September 2020

Gesprächspartnerinnen:
Botho Maruatona, Botswana / Südafrika, Coalition of African Lesbians (CAL), Community and Campaigns Officer
Tash Dowell, Zimbabwe, Feminist Action Collective
Neo Kabi, Lesotho, Masakhane-Collective
Moderation: Cornelia Sperling, Masakhane Projekt-Unterstützerin für LSVD e.V. und filia e.V.

Einladung

Cornelia Sperling: Es geht um zwei Themen: Wir wollen einen Einblick in die Aktivitäten des Masakhane-Projekts bekommen. Das wurde 2014 vom LSVD und filia.die frauenstiftung initiiert, vom BMZ finanziert. Es wird in den Jahren 2018–2021 unter dem Titel „Menschenrechte im südlichen Afrika durch Stärkung von NGO-Aktivistinnen voranbringen – mit dem Fokus Frauenreche und LGBTI-Rechte“ fortgeführt. Heute können wir auch die Aktivistinnen zu ihren Erfahrungen mit der Entwicklungspolitik des Nordens befragen.

Botho Maruatona, Webtalk Masakhane Projekt

Botho Maruatona, Community and Campaigns Officer in der Coalition of African Lesbians (CAL), mit Sitz in Johannesburg/Südafrika, erläutert: „Der Name Masakhane bedeutet so viel wie „Lasst uns gemeinsam etwas aufbauen“. Masakhane wurde 2014 gestartet und basierte auf Gesprächen zu Themen, für die sich Menschenrechts-Verteidigerinnen im südlichen Afrika einsetzen wollten. Sie gingen von der Tatsache aus, dass es auf dem Kontinent und in der Region einen sehr exklusiven Fokus auf HIV gibt und Fördergelder und Ressourcen für die Belange fehlen, die LBQ Women (lesbische bisexuelle und queere Frauen), Sex-Arbeiterinnen und Frauen haben, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen wollen. Diese Zielgruppen wollte Masakhane erreichen. Das verbindende Ziel im Kampf ist die Tatsache, dass all diese Gruppen damit konfrontiert sind, wie ihre Körper kontrolliert, mit Gewalt bedroht und in unterschiedlicher Form benutzt werden.“
Botho Maruatona, die vor ihrer Arbeit für CAL für botswanische LGBTI-Organisationen arbeitete, führt aus, warum Masakhane oft auch als Autonomie-Projekt bezeichnet wird: „Es will die Autonomie von Frauen stärken, damit sie entscheiden können, wie sie selbst sein und sich selbst wahrnehmen wollen. Autonomie ist Teil der Ideologie und Politik der Coalition of African Lesbians (CAL). Es geht darum, wie wir Machtdynamiken betrachten; wie wir Queer-Bodies interagieren mit dem größeren System, in dem wir leben.“
In der ersten Phase des Masakhane Projektes zwischen 2014–2017 waren Simbabwe, Sambia und Botswana beteiligt. In der zweiten Phase, die 2018 begann und bis 2021 dauern wird, kamen Lesotho, Mosambik und Swasiland (Eswatini) hinzu.

Tash Dowell, Webtalk Masakhane Projekt

Tash Dowell, Koordinatorin im Masakhane Collective Simbabwe, Graphikdesignerin und Kommunikationswissenschaftlerin, erklärt: „Seit dem Projektbeginn 2014 arbeite ich für Masakhane in Simbabwe. Während der Zeit gab es unterschiedliche Strukturen: erst ein Kollektiv mit 14 Frauen, dann eine Organisation; nun bilden wir wieder ein Kollektiv: das Feminist Action Collective mit 90 Aktivistinnen. Das Verständnis, wie wichtig Autonomie ist, hat sich also erheblich erweitert.“
Tash Dowell ordnet diese Dynamik in die Situation in Simbabwe ein: „Es gibt viel Unruhe wegen der wirtschaftlichen Situation und der gegenwärtigen Regierung, aber die Menschen können nicht öffentlich sagen, was sie darüber denken und was sie von der Korruption halten. LBQ-Frauen und LGBTI-Menschen allgemein leben unter schwierigen Bedingungen. Aktuell ist es relativ ruhig. Wir werden nicht angegriffen, nicht verhaftet, nur weil wir so sind, wie wir sind. Wir arbeiten sogar in gewisser Weise mit dem Gesundheitssektor zusammen, das sind enorme Verbesserungen verglichen mit der Zeit davor, als es nur wenige Organisationen in der LGBTI-Community gab.“
Anschaulich stellt Tash Dowell zwei unterschiedliche Phasen des Masakhane Projektes vor: „Während der ersten Phase des Masakhane-Projektes waren wir in der Community-Mobilisierung sehr aktiv und versuchten, ein Verständnis dafür zu vermitteln, was Autonomie für jedes Individuum und für die Gruppen bedeutet. Zudem haben wir Sicherheitstrainings angeboten, da es in der Zeit viele Verhaftungen gab. Darüber hinaus haben wir an der Strategieentwicklung gearbeitet, um einen Weg zu finden, den wir beschreiten wollten. Wir reflektierten über die Richtung, in die wir gehen und was wir mit diesem Projekt erreichen wollten.
Tash Dowell beschreibt auch ganz konkrete Aktionen, wie ‚Take back the night’: „Dafür gingen wir zu Orten, die normalerweise nicht als Frauenorte gelten. Wir wollten sehen, wie wir dort präsent sein konnten, ohne angegriffen zu werden, damit wir sagen konnten: Auch Frauen sollten an diesen Orten sein. Beispielsweise an Orten von Schwulen, wo über Männer, die Sex mit Männern haben, und über HIV diskutiert wird. Lesben gelten als weniger verletzlich; doch wir dachten, wir sollen auch dort präsent sein.“
Darüber hinaus protestierten Tash Dowell und andere Aktivistinnen auf einer weiteren Ebene: „Wir bezogen auch Stellung gegen die Anti-Abtreibungs-Plakate, die im ganzen Land verbreitet sind. Dort steht: ‚Abtreibung ist Mord, Frauen sind Mörderinnen’. Wir wandten uns dagegen, unsere Nachricht/unser Motto lautete: My Body – My Choice! (Mein Körper, meine Wahl)“
In der zweiten Phase des Masakhane Projektes änderten sich die Bedingungen, z.B. brachte COVID-19 viele Einschränkungen. Tash Dowell: „Die wirtschaftliche Situation hat sich verschlechtert, vor allem für lesbische Frauen und Sex-Arbeiterinnen im informellen Sektor. Deshalb führten wir eine Fallstudie und eine Bedarfserhebung durch. Und wir haben eine Eingabe an die UN wegen der Auswirkungen von COVID-19 auf die Community erarbeitet.“
Um so beachtlicher sind die Erfolge, die Tash Dowell vorstellt: „Wir haben mehr Mitglieder, die unsere Räume nutzen. Wir sind mehr auf Kollektive ausgerichtet. Das ist ein Unterschied zur Machtkonzentration, Entscheidungen werden also nicht mehr nur von wenigen getroffen. Wir haben darauf hingewiesen, dass es in der Community unterschiedliche Bedürfnisse gibt, die nicht von der gegenwärtigen Finanzierung berücksichtigt werden. Zu den Herausforderungen zählt also die Finanzierung. Eine weitere Herausforderung ist COVID-19, die bewegt natürlich die Community. Es gibt nicht viel Geld, das direkt an Communitymitglieder geht.“
Hinzu kommt das schwierige wirtschaftliche und das feindliche politische Umfeld. Tash Dowell weiß: „Kollektive Arbeit ist nicht einfach, zumal LBQ-Frauen und Sex-Arbeiterinnen oft nicht beachtet werden. Die meisten Organisationen werden von Männern geleitet. Und die wenigen, die von Frauen geführt werden, müssen viele Bedingungen erfüllen, um die Finanzierung zu sichern. Das ist an sich schon eine Herausforderung.“
Dennoch haben die Aktivistinnen klare Zukunftspläne, die Tash Dowell vorstellt: „Wir wollen Räume öffnen, mehr konkrete Advocacy Arbeit leisten und sicherstellen, das LBQ-Frauen, Sex Arbeiterinnen und alle Beteiligten in die Mainstream-Frauenbewegung einbezogen werden. Wir hoffen, das Wellbeing (Wohlergehen) der Community verbessern zu können und suchen dafür nach Finanzierungen. Uns geht es um das Agenda-Setting; wir wollen die Entwicklungspolitik so beeinflussen, dass sie inklusiver wird und sexuelle Minderheiten wahrnimmt.“

Neo Kabi, Webtalk Masakhane Projekt

Neo Kabi, Masakhane-Collective, Lesotho, beschreibt die dortigen Masakhane-Projektaktivitäten folgendermaßen: „Ich komme aus dem Königreich Lesotho und arbeite derzeit beim Masakhane-Kollektiv und bei einer informellen Gruppe, der Golden Dykes Foundation. Wir sind in Phase 1 des Masakhane Projektes; es ist eine neue Erfahrung für uns. Wir lernen, weil wir in Lesotho noch nicht an derartige Projekte gewöhnt sind. Wir arbeiten am Verständnis von Intersektionalität und an den Kämpfen, die wir Frauen in Lesotho führen müssen. Wir haben uns für das Thema mentale Gesundheit und Wellbeing entschieden, weil die Gesellschaft in Lesotho Frauen noch immer wie Kinder betrachtet.
Vom Einführungsworkshop für das Masakhane Projekt in Johannesburg nahmen wir die große Bedeutung von Solidarität mit. Wir riefen HIV-positive und behinderte Frauen zusammen. Unter Anleitung von CAL haben wir Gruppen gegründet, in denen wir regelmäßig zusammenkommen und diskutieren. Wir fokussieren auf die mentale Gesundheit, auf Frauenrechte, reproduktive Rechte und reproduktive Gesundheit sowie auf Schwangerschaftsabbrüche.“
Zu Neo Kabis Erfahrungen mit Fördergeldern und Projektaktivitäten zählen folgende Einschätzungen: „Wir arbeiten weiter daran, ein Kollektiv zu bilden, denn wir erleben Situationen, in denen LBQ-Frauen nicht beachtet werden. Das kann ich von Gebern und Finanzierungen in Lesotho berichten. Der Fokus liegt mehr auf Transgender, Schwulen und Männern, die Sex mit Männern haben.
Wir hatten das Privileg, letztes Jahr beim Universal Periodic Review Prozess (UPR) des UN-Menschenrechtsrats als Kollektiv eine Erklärung abzugeben. Thematisch ging es um SOGI-Rechte, die normalerweise von der Regierung in Lesotho unbeachtet oder abgelehnt werden. CAL half uns in diesem Zusammenhang.”
Zum politischen System in Lesotho sagt Neo Kabi: „Wir sind wie in einer Grauzone. Mit anderen marginalisierten Gruppen versuchen wir, unsere Bedürfnisse öffentlich zu machen. Manchmal werden wir zum Schweigen gebracht. Im Masakhane Projekt formulieren wir im Kollektiv, was die jeweiligen Gruppen brauchen.“

Botho Maruatona, CAL, berichtet auch über die pan-afrikanische feministische Menschenrechtsarbeit, die CAL auf unterschiedlichen Ebenen leistet: “Das Masakhane Projekt hat einen Raum für Solidarität geschaffen — für ein Verständnis, was eine kollektive feministische Bewegung bedeutet. Das ist ein Modell für CAL selbst. Wir werden es für einige unserer Projekte in West- und Zentralafrika zum Aufbau von Kollektiven übernehmen. Nicht nur für CAL selbst, sondern auch für die Menschen, die in den einzelnen Ländern arbeiten, ist das Organisieren in feindseligen Kontexten sehr schwierig, denn sie haben nur sehr begrenzte Ressourcen und Möglichkeiten für ihre Aktivitäten gegenüber dem Staat. Deshalb hat CAL viel Arbeit in Menschenrechts-Mechanismen investiert, etwa in Lesotho in den UPR-Prozess (regelmäßige Berichterstattung gegenüber dem UN-Menschenrechtsrat UN-OHCHR) oder mit Aktivitäten in der Afrikanischen Menschenrechts-Kommission (African Commission on Human and Peoples‘ Rights – ACHPR).
Das Masakhane-Modell hat CAL geholfen, einen Fußabdruck als pan-afrikanische feministische Mitgliedsorganisation in der Region zu hinterlassen. Darauf bezieht sich die meiste Advocacy-Arbeit von CAL und ihrer Mitglieder. Es ist wichtig, das zu pflegen und zumindest unser Engagement in verschiedenen Ländern zu verstärken. Dazu sind wir in Simbabwe, Sambia und Botswana sowie nun auch in Lesotho, Swasiland (Eswatini) und Mosambik tätig.“

Botho Maruatona erklärt am Beispiel von Mosambik, was Intersektionalität bedeutet: „Mosambik hat 2014 die Strafverfolgung von Homosexuellen abgeschafft. Für CAL ist es wichtig, derartige Arbeit weiterzuentwickeln. Mosambik ist ein portugiesisch-sprachiges Land im südlichen Afrika; die Bedeutung von Solidarität rührt schon aus der Tatsache, dass wir durch die Sprache und staatliche Grenzen getrennt sind, die uns auferlegt wurden. Daher ist es wichtig, eine Bewegung aufzubauen, die diese Intersektionalitäten von uns queeren-Menschen in feindlichen Kontexten, in Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und Interessen beachtet. In Mosambik beispielsweise gibt es Forschungen zur Lobbyarbeit für die physische und mentale Gesundheit von LBQ-Frauen, zumal sie mit einem Anstieg an HIV-Infektionen konfrontiert sind, die aus Gewalt resultieren. Wenngleich die politische Landschaft auf den ersten Blick beeindruckt, so ist die Realität von Frauen an der Basis, dass sie tagtäglich mit Problemen konfrontiert sind. Sie haben immer zu wenige Ressourcen und ihre Arbeit wird von den bestehenden Strukturen nicht gewertschätzt, selbst wenn Fördergelder in das Land kommen.“
Botho Maruatona benennt aber auch Erfolge: „Etwas Großartiges ist passiert: das Lernen beim Austausch zwischen verschiedenen Bewegungen – nicht nur die Solidarität, die verschiedene Kollektive miteinander aufgebaut haben, sondern auch die Verbindungen zwischen unterschiedlichen Bewegungen auf Länderebene, etwa zwischen der jeweiligen Frauenbewegung, der Bewegung von Sex-Arbeiterinnen und vielen anderen. Sie hatten die Möglichkeit, Partnerschaften zu bilden und großartige Arbeit zu leisten, um die Stimmen von Frauen zu verstärken, die normalerweise marginalisiert werden.
Es ist wichtig für uns als afrikanische Feministinnen zu entscheiden, wie wir die Probleme angehen – wie wir Geschichten und Forschungen dokumentieren. Es ist wichtig, dass afrikanische Feministinnen mit ihren eigenen Stimmen Lösungen erläutern, für die wir Ressourcen einwerben möchten und für die wir potentielle Partnerschaften bilden. Das ist bedeutend, weil vernachlässigt wurde, wie über die Erfahrungen von Afrikanerinnen berichtet wird – mit Stimmen von anderen Menschen, die nicht notwendigerweise die meiste Zeit in diesen Ländern lebten. Auch deshalb ist es großartig, Masakhane in der speziellen Art und Weise zu haben, wie das Projekt arbeitet.“

Cornelia Sperling: Die Teilnehmer*innen stellen die Frage, wie sich COVID-19 auf Eure Arbeit auswirkt?

Tash Dowell aus Simbabwe erklärt: “Während der 2. Phase des Masakhane-Projektes führte CAL eine Bedarfsanalyse durch und ergründete, wie sich COVID-19 auf die Communities auswirkt. Daran nahmen einige unserer Partnerinnen teil. Uns in Simbabwe fiel der große Bedarf an Nahrungsmitteln auf, zumal der informelle Sektor geschlossen wurde, in dem viele Menschen arbeiten und woraus sie ihr Einkommen beziehen. So integrierten wir die Verteilung von Nahrungs- und Desinfektionsmitteln in das Projekt.
Aber wir können landesweit nur zwanzig Frauen pro Monat unterstützen. Das Problem ist der Kontakt mit den Frauen, da die Internet- und Telefongebühren gestiegen sind und weiter steigen. Zwar wollen wir sicherstellen, dass all jene, die wir erreichen, ausreichende Desinfektionsmittel erhalten, doch auch dafür sind die Preise gestiegen. Selbst kleine Mengen kosten 2–3 Dollar, das kann sich nicht jede leisten. Gleichzeitig ist die Währung mit einem neuem Tauschsystem kompliziert, denn es gibt Zim Dollars, RTGS Dollar, US-Dollars. Wir sind nicht in der Lage, alle Frauen zu erreichen, die Unterstützung bräuchten
.“

Botho Maruatona, CAL, beschreibt die Auswirkungen der CORONA-Pandemie folgendermaßen: „Unsere Bedarfsanalyse zu COVID-19 ergab: Die Pandemie erschwert unsere Arbeit, die Erreichbarkeit und den Austausch untereinander. Wir mussten feststellen, dass wir unsere Prioritäten ändern müssen, also was wir in diesem Jahr im Bereich der Entwicklung von Kapazitäten und in der Advocacy-Arbeit leisten wollten. Die Menschen sind mit anderen Problemen konfrontiert: Zugang zu Nahrung und Desinfektionsmitteln, Zugang zu Sicherheit in unterschiedlicher Form. Weil viele nicht mehr arbeiten konnten, mussten sie in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren. Aber die dortigen Häuser sind nicht so sicher, oft sind junge Leute mit der Homophobie in ihrer Familie konfrontiert. Kollektive mussten also sichere Unterkünfte finden und viel für das mentale Wohlbefinden sowie die Ernährung tun.
Für CAL selbst bedeutete COVID-19: Wir konnten nicht mit anderen Kollektiven interagieren wie wir es wollten. Denn wir hatten Besuche in den Ländern geplant, um bestimmte Kapazitäten zu stärken und bei Treffen die Aktivitäten für 2020 und 2021 zu planen, doch das mussten wir stoppen. Wir mussten viel online arbeiten und neue Technologie einführen, mehr Zeit mit der elektronischen Kommunikation verbringen, um in Verbindung zu bleiben. Das sind die wichtigsten Herausforderungen mit der fortdauernden Pandemie.“

Cornelia Sperling, Webtalk Masakhane Projekt

Cornelia Sperling: Kommen wir zum Gesprächsthema LGBTI-Erfahrungen mit der Entwicklungspolitik im globalen Norden. Hören wir Stimmen und Erfahrungen zum Umgang mit den Regularien des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Botho Maruatona, CAL, gibt zu bedenken: „Zunächst müssen wir anerkennen, wie CAL arbeitet. CAL analysiert, wie die Welt funktioniert, wie Machtdynamiken in den Sphären funktionieren, in denen CAL tätig ist – aber auch in der Welt darüber hinaus. Wir hinterfragen (Macht)Systeme, seien es Regierungen, menschliche Interaktionen mit Regierungen oder wie der globale Norden mit dem globalen Süden interagiert.
Die Hilfe des Globalen Norden ist zweigeteilt: Es gibt Hilfe für Regierungen – die gleichen Regierungen, die Strafgesetze gegen queere Menschen erlassen, gegen Frauen, die Möglichkeiten zum Schwangerschaftsabbruch suchen, gegen Sex Arbeiterinnen, gegen Trans-Individuen und viele andere Gruppen, die ständig marginalisiert werden.
Andererseits gibt es Entwicklungshilfe für die Zivilgesellschaft, um mit den gleichen Regierungen zu kämpfen, denen Hilfe im Rahmen bi-lateraler Beziehungen mit Ländern des (globalen) Nordens geleistet wird.
Bi-laterale Beziehungen und Hilfe für die Zivilgesellschaft – wir realisieren, wie problematisch diese Balance ist. Wir wissen, wie wichtig es ist, fortlaufend solche Beziehungen und deren Implikationen zu hinterfragen. Als feministische Organisation ignorieren wir diese spezielle Problematik nicht; aber wir müssen auch Problemlösungen finden.“

Botho Maruatona reflektiert über das Agenda Setting: „Welche andere Hilfe gibt beispielsweise Deutschland einem bestimmten Land? Und wie arbeiten wir dann zum Agenda Setting? Organisationen wie CAL, andere afrikanische Regionalorganisationen oder feministische Organisationen versuchen, die Agenda nach ihren Zielen zu beeinflussen und werben für die Umsetzung Menschen an. Mit welchen Erfahrungen? Sind es Menschen, die tagtäglich in den Realitäten der LGBTI-Diskriminierung leben? Sind es Menschen, die ihre eigene Regierung herausfordern können? Sind es die gleichen Menschen, die rufen: Schafft die Hilfe ab? Die Umsetzung unserer Agenda ist im Kontext dieser Widersprüche zu sehen.
Lassen Sie mich ein Beispiel der Förderlandschaft nennen: Es gibt viel Geld, dass in die HIV-Arbeit geht – für männliche Homosexuelle, dabei werden queere-Frauen vergessen. Das sind die Prioritäten, die durch bestimmte Gruppen gesetzt werden. Es ist eine Form des Komforts — eine Politik, die dem globalen Norden gefällt. In der Weise ist die Agenda durch den Norden gesetzt. Für uns ist es wichtig, zu hinterfragen, was die vorherrschende Politik zu sexuellen und reproduktiven Rechten ist.“

Botho Maruatona beleuchtet auch das aktuelle Spannungsfeld zwischen dem globalen Norden und Süden sowie die Potentiale einer feministischen Philanthropie: „Derzeit fließt viel Geld zu COVID-19, aber in einer Weise, die LBQ-Frauen größtenteils ignoriert. Das finden wir heraus, wenn es um die Dynamiken zwischen dem globalen Norden und Süden geht. Ist der globale Norden, ist die Entwicklungspolitik fähig, wahrzunehmen, dass es im Süden Gruppen von Individuen gibt, die ihr Wissen und ihre Lösungen angeboten haben? Dass ihrem Bedürfnis verstärkt entsprochen werden muss? Die Lösungen für Belange, die uns betreffen, kommen nicht von anderswo her, sie können nur von uns kommen. Deshalb kämpfen wir mit dem Masakhane Projekt, wir kämpfen um LGBTI-Menschenrechte.
Wir publizieren über unsere Vorstellungen, wie der globale Norden über Entwicklungshilfe und die Ressourcen für den globalen Süden denken sollte – im Sinne der feministischen Philanthropie, die sich auf Menschen, ihre Probleme und ihre Lösungen konzentriert, anstatt Lösungen und Denkmodelle von außen vorzugeben, die nicht den gelebten Realitäten im Süden entsprechen.“

Tash Dowell aus Simbabwe erwartet auch mehr Selbstkritik: „Wenn wir diskutieren, wie wir uns in Kollektiven zur Entwicklungspolitik des globalen Nordens verhalten und zu Regeln der Finanzierung, sind wir manchmal mitschuldig, weil wir nicht genug hinterfragen. Wir müssen standhafter dafür eintreten, was wir wollen. Masakhane gibt uns in gewisser Weise eine Plattform, damit wir unsere eigene Agenda bilden können.
Wir müssen jetzt in unserer Arbeit einige Aspekte wegen COVID-19 einbeziehen, aber das Hauptgeschäft bleibt die Advocacy-Arbeit, die wir leisten müssen, um mit dem Projekt fortzufahren. Das ist meine Meinung — andere Menschen in unseren Kollektiven denken, wir sollten eher zu einkommensschaffenden Projekten oder Wellbeing Projekten umschwenken.“

Tash Dowell schlägt vor: „Als Empfänger von Fördergeldern sollten wir unsere eigene Entwicklungsstrategie haben. Wir müssen darüber verhandeln können, wie eine Balance aussehen kann zwischen dem, was wir erreichen wollen und dem, was sie erreichen wollen. Fördergeld – aus Deutschland oder von anderswo her — schafft eine Form der Abhängigkeit. Im Verhältnis zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden müssen wir eine Rolle spielen!“

Botho Maruatona, CAL, fordert, dass zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen kontextspezifisch die Förderung der eigenen Arbeit bestimmen können: „Wenn wir über die Rolle sprechen, die der globale Süden in den Beziehungen spielen sollte: Die Arbeit, für die wir uns als Zivilgesellschaft auf dem afrikanischen Kontinent engagieren, basiert auf Wissenserwerb. Es ist notwendig, unseren Standpunkt als zivilgesellschaftliche, feministische Bewegung auf dem Kontinent zu stärken. Was ist unser modus operandi, wenn wir bestimmte Förderungen nicht akzeptieren?
Wie offen ist beispielsweise die deutsche Regierung, Arbeit zu finanzieren, die komplett kreativ ist, die auf den eigenen Fähigkeiten und Talenten der Menschen aufbaut, die dann existierende Probleme adressieren. Das ist nicht notwendigerweise Advocacy-Arbeit, oder dass man von uns erwartet, zum UN-Menschenrechtsrat zu gehen. Weil wir auf die Stärke unterschiedlicher Länder und Kollektive schauen, finden wir es wichtig, dass wir die Wege finden, die passend sind. Diese konzentrieren sich größtenteils auf die Bedürfnisse des globalen Südens and nicht notwendigerweise auf die Ressourcen und Strukturen, die der globale Norden festlegt.“

Cornelia Sperling: Diese Diskussion sollten wir unbedingt fortsetzen! Wie können wir Allianzpartnerinnen werden und sinnvoll zusammenarbeiten? Hoffentlich gibt es bald wieder die Möglichkeit zum Reisen, damit die Aktivistinnen zu uns kommen und wir zusammen neue Lösungen finden können. In Deutschland werden Stimmen aus dem globalen Süden viel zu wenig gehört. Zivilgesellschaftliche Gruppen in Deutschland sollten sich stärker mit zivilgesellschaftlichen Gruppen in anderen Teilen der Welt verbinden.
Dank an alle Teilnehmenden, vor allen an Botho, Tash und Neo, und Dank an die Hirschfeld Eddy Stiftung!

Gesprächsdokumentation: Rita Schäfer

Dr. Rita Schäfer: Freiberufliche Wissenschaftlerin und Autorin mehrerer Bücher und Studien zu Gender im südlichen Afrika, u.a. zusammen mit Eva Range: Wie mit Homophobie Politik gemacht wird (2013), The political use of homophobia (2014)

Der Online-Talk war die dritte Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Leave no one behind! — Entwicklungszusammenarbeit und LSBTI Perspektiven“.

Gefördert von ENGAGEMENT GLOBAL
Mit Mitteln des BMZ

BMZ

Für den Inhalt ist allein der LSVD verantwortlich. Die dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global oder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.

Weiterführende Weblinks, zusammengestellt von Rita Schäfer:

Coalition of African Lesbians CALMasakhane und weitere Informationen:

Botswana:

Lesotho:

Mosambik:

Simbabwe:

Swasiland (Eswatini):

Südliches Afrika – regional / länderübergreifend:



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