Aktivismus zur Stärkung der Menschenrechte von LBTIQ in Namibia. Online-Talk mit Liz Frank, Windhoek, Namibia

Der Web-Talk fand im Rahmen der Gesprächsreihe statt: „Leave no one behind! – Entwicklungszusammenarbeit und LSBTI-Perspektiven“
Gesprächsdokumentation des Web-Talks vom 10. Dezember 2020

Eine Veranstaltung des LSVD in Kooperation mit iz3w.

Einladung
English

Gesprächspartnerinnen:
Liz Frank, Programmleiterin des Women’s Leadership Centre (WLC), Windhoek, Namibia im Gepräch mit Martina Backes, Redakteurin und Mitarbeiterin im iz3w bei der gleichnamigen Süd-Nord-politischen Zeitschrift.

Screenshots Veranstaltung: 1, Martina Backes, Liz Frank

Martina Backes: Es geht um den Aktivismus von LGBTI-Menschen in Namibia. Das ist ein Land, in dem sehr viele LGBTI-Menschen um die Anerkennung ihrer Rechte und gegen Gewalt kämpfen – sowohl gegen interpersonelle als auch institutionelle Formen von Gewalt. Zudem bekämpfen sie Diskurse, Bilder und Sprache, die dazu beitragen, dass Rechte nicht durchgesetzt oder nicht wahrgenommen werden können.

Die LGBTI-Community ist sehr aktiv, das konnte man in den letzten Wochen über Twitter verfolgen. Unter dem Hashtag #Shutitalldown organisierten junge Feminist*innen in Namibia ihren Protest, sie forderten vom Staat die Aufklärung des Mordes an einer jungen Frau. Es ist ein sehr trauriger Fall, die Überreste einer vermissten Frau wurden in einem flachen Grab gefunden. Bei der Forderung nach Aufklärung dieses Mordes wurde vorgeschlagen, den Notstand wegen der zahlreichen Femizide und der geschlechtsspezifischen Gewalt (gender based violence) auszurufen. Das zeigt, dass der Staat oder die Regierung Versäumnisse zu verzeichnen hat oder nicht in angemessener Weise reagiert hat.

Wie aktiv die Community ist, ist auch am vielfältigen Programm des Women’s Leadership Centre abzulesen.

Ein Blick in die bewegte Geschichte Namibias verweist darauf, dass es viele Aktivitäten gibt. Am Vorabend zur Unabhängigkeit von Südafrika 1989/1990 wurde die feministische NGO Sister Namibia gegründet, die sich seit 1993 auch für die Rechte von Lesben eingesetzt hat. Heute ist in Namibia namibischer Frauentag. Der Hintergrund: Vor genau 61 Jahren hat Anna Kakurukaze Mungunda, Mitglied der damaligen Unabhängigkeitsbewegung, ihr Leben gelassen, als sie im Protest gegen das damalige Apartheidregime auf die Straße ging. In Berlin gibt es übrigens eine Straße, die Petersallee, benannt nach dem in der deutschen Kolonialzeit sehr aktiven Carl Peters („Hängepeters“ wegen der von ihm angeordneten zahlreichen Tötungen durch Erhängen). Sie wird nun in einem Abschnitt umbenannt auf den Namen Anna-Mungunda-Straße.

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Deutschland hat als Kolonialmacht bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Ansprüche in Namibia gestellt. Es ist das Land, in dem der erste von Deutschland durchgeführte Genozid im 20. Jahrhundert stattfand. Es ist eine sehr traurige Geschichte — diese kurze, aber sehr brutale Kolonialzeit von Seiten der Deutschen hat das kollektive Gedächtnis in Namibia stark mit geprägt.

Liz, Du lebst seit 30 Jahren in Namibia – gemeinsam mit Deiner namibischen Lebenspartnerin. Du hast etliche Jahre als Chefredakteurin die Zeitschrift Sister Namibia der gleichnamigen Organisation Sister Namibia herausgegeben. Seit 2011 bist Du Programmkoordinatorin des Women’s Leadership Centre (WLC). Ihr seid sehr aktiv – gerade in den letzten Wochen. Welche symbolische Bedeutung hat der namibische Frauentag?

Liz Frank: Der Tag hat leider sehr wenig Bedeutung. Wir orientieren uns mehr am internationalen Frauentag, dem 8. März. Der namibische Frauentag fällt auf den internationalen Menschenrechtstag, der wird eigentlich stärker von allen politischen Parteien und Organisationen gefeiert. Es passiert eigentlich überhaupt nichts zum Thema Namibian Women’s Day, außer dass die Regierung eine Anzeige gegen geschlechtsspezifische Gewalt in die Zeitung setzt. Aber das Women’s Leadership Centre hat beschlossen, dass wir heute mit jungen Lesben, die am letzten Freitag im Goethe Institut unser 4. Namibian Lesbian Festival veranstaltet haben, dieses Festival auswerten. Wir hatten im letzten Monat zwei Mal pro Woche Workshops zur Vorbereitung. Dann feiern wir den Namibian Women’s Day mit ihren Liedern und Gedichten.

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Martina Backes: Wir wollen uns über Eure Formen des Aktivismus unterhalten und wie Deutschland als Land, das eine besondere Verantwortung hat, dazu beitragen kann, LGBTI-Rechte zu stärken. Doch zunächst etwas Grundsätzliches. Wie sieht der rechtliche Rahmen aktuell aus? Welche Unterschiede gibt es zwischen verschiedenen Personen, beispielsweise welche Rechte haben Lesben oder Transmenschen?

Liz Frank: 1990 wurde eine sehr progressive Verfassung verabschiedet, in der die gleichen Rechte für alle festgeschrieben sind. Es soll keine Diskriminierung auf der Basis von Geschlecht geben. Aber leider steht in der Verfassung nicht: Keine Diskriminierung auf der Basis von Gender und sexueller Orientierung. Damit unterscheidet sich die namibische von der südafrikanischen Verfassung, die 1996 verabschiedet wurde. Dort war der Kampf für LSBTI-Rechte schon viel weiter. Das haben die namibischen LGBTI damals verpasst. Sie waren damals nicht organisiert, um gleiche Rechte in der Verfassung zu verankern. Das hatte Auswirkungen auf meine Gerichtsverhandlung zur Aufenthaltsberechtigung. Kurz zu meiner persönlichen Geschichte: Ich bin über die Anti-Apartheidbewegung aus Bremen nach Namibia gekommen und zwar in der Woche der Unabhängigkeitsfeiern 1990. In dieser Woche habe ich mich in Elizabeth verliebt, wir sind seit 30 Jahren zusammen. 1997 mußte ich einen Antrag auf Aufenthaltsberechtigung stellen, der ohne Gründe abgelehnt wurde. Weitere Anträge wurden ebenfalls abgelehnt. Ich wurde schließlich vom Legal Assistance Centre unterstützt, vor Gericht zu gehen. Im High Court haben wir gewonnen, aber das Verfassungsgericht (Supreme Court) legte Widerspruch ein. Es wollte keinen Präzedenzfall von lesbischen Paaren auf Aufenthaltsgenehmigungen schaffen. Vor dem Supreme Court haben wir den Fall mit der Begründung verloren, in der Verfassung stehe nichts von sexueller Orientierung.

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1992 wurde ein sehr progressives Arbeitsschutzgesetz verabschiedet, das ausdrücklich den Schutz von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung vor Diskriminierung enthielt. Damals haben die Parlamentarier_innen offenbar geschlafen, als ein progressiver Jurist das eingebracht hatte. Doch einige Jahre später, als das Gesetz revidiert wurde, strich man das wieder heraus.

In unserem sehr modernen Gesetz zur Bekämpfung häuslicher Gewalt wurden ausdrücklich gleichgeschlechtliche Beziehungen ausgeschlossen. Das ist die Diskriminierung, die sich seit der politischen Unabhängigkeit im Parlament und in den Gerichten als roter Faden durchzieht. Das heißt, wenn es Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt und eine Lesbe sich bei der Polizei meldet, um dort Unterstützung zu erhalten, wird sie dort nur verlacht und verhöhnt. Zwar werden Lesben in Namibia nicht kriminalisiert, aber es gibt ein Immoralitätsgesetz (Combating of Immoral Practices Act) aus der Apartheidzeit, das ausdrücklich Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern kriminalisiert. Das kam zwar seit der Unabhängigkeit nie zur Anwendung, dennoch hängt es wie ein Damoklesschwert über den Beziehungen zwischen schwulen Männern.

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Und weil schwuler Sex kriminalisiert wird, konnte der frühere Staatspräsident Sam Nujoma einfach behaupten, Homosexualität sei in Namibia illegal. Das schloss die Lesben mit ein und führte zu großer Verunsicherung in lesbischen Beziehungen. Gleichzeitig kriminalisiert der Combating of Immoral Practices Act Prostitution. Das betrifft vor allem TransFrauen, die sich nicht anderweitig ernähren können, auf der Straße arbeiten und dann viel Polizeigewalt erfahren. Letztes Jahr wurden mit einem Schlag zahlreiche Apartheidgesetze abgeschafft, aber nicht dieses Gesetz. Es wird immer noch von konservativen Parlamentariern dazu benutzt zu behaupten, sie könnten hier nichts ändern, denn Homosexualität sei kriminell. Jahrzehntelang gab es viele Hetzreden und öffentliche Diskriminierung, heute wird in der öffentlichen Politik über LSBTI geschwiegen.

Trotzdem gibt es etwas Veränderung und zwar im Gesundheitsbereich durch US-amerikanische Unterstützung zur HIV-Prävention. Da wurde das westliche Modell angewandt, schwule Männer, Trans-Menschen und Prostituierte seien die Hauptträger von HIV. Daraus folgte: Obwohl sie in Namibia kriminalisiert werden, müssten sie trotzdem in HIV-Präventionsprogramme eingebunden werden. Um nicht Begriffe wie Homosexuelle (Gay) oder Sexarbeiter (Sex Worker) zu benutzen, werden sie unter Schlüsselpersonen (Key Populations) gefasst. Da fließt viel Geld aus den USA und aus UN-Organisationen, um Key Populations in HIV-Prävention und Behandlungen einzubeziehen. Trotzdem wurden Lesben nicht darin aufgenommen. Es gibt keine Forschungen in Namibia zu Lesben und HIV. Gleichzeitig wird einfach behauptet, Lesben würden nicht HIV-positiv. Deshalb gibt es keine Aufklärungsarbeit für Lesben zu Safer Sex. Aber südafrikanische Studien verdeutlichen, dass Lesben, die Gewalt ausgesetzt sind, eine hohe HIV-Inzidenz haben. Es ist für Lesben, TransMenschen, schwule Männer sehr schwer, eine gute, nicht diskriminierende Behandlung im Gesundheitswesen zu erhalten. Lesben, die männlich aussehen und schwanger sind, werden verlacht und nicht wie gleichwertige Menschen behandelt. Deshalb gehen viele Lesben nicht zu Brustuntersuchungen oder zur Krebsvorsorge (Gebärmutterhalskrebs). Die Diskriminierung ist für TransMenschen und Sex Worker genauso. Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Ein anderer politischer Bereich ist der Bildungssektor. Namibia hat hohe Raten an Teenagerschwangerschaften. Damit ist klar, die Regierung mußte Aufklärung (Comprehensive Sexual Education) in den Schulen einführen. Es wurde ein kleiner Abschnitt über gleichgeschlechtliche Lebensweisen einbezogen. Das wird aber von konservativen Politikern bekämpft. Wir waren entsetzt, als unsere Außenministerin vor zwei Wochen in den Medien forderte, wir müssten die umfassende Sexualaufklärung abschaffen, weil damit Abtreibungen und Homosexualität gefördert würden. Unsere Außenministerin war ganz früher mal Gender-Ministerin und führte in der Zeit die Hetze gegen Schwule und Lesben mit an. Ich dachte, als Gender-Ministerin sei sie unter dem Einfluss des früheren Präsidenten Sam Nujoma und würde sein Lied singen. Aber sie singt ihr eigenes Lied. Das Problem ist: Rechte konservative Kirchen und Pastoren aus den USA versuchen in Afrika, Homosexualität zu kriminalisieren. Das war beispielsweise vor einigen Jahren bei einem Gesetzesvorschlag zur Verschärfung der Strafverfolgung in Uganda der Fall. Wir vermuten, dass bei unserer Außenministerin auch von daher der Wind weht. Das geht auch gegen die Liberalisierung von Abtreibung.

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Martina Backes: Du hast den Combating of Immoral Practices Act erwähnt. Inwieweit ist die verbreitete Homophobie auch ein Apartheiderbe?
Liz Frank: Die Hetzkampagne und sehr starke öffentliche Diskriminierung kam 1995/96 über Robert Mugabe aus Simbabwe nach Namibia, denn die zwei kooperierten eng miteinander. Robert Mugabe hat während der internationalen Buchmesse 1995 in Harare gegen einen Stand der Gays and Lesbians of Zimbabwe gewütet. Er hat geschrieen, sie seien schlimmer als Hunde und Schweine und ihren Büchertisch umgeworfen. Damit begannen die Hetzreden im südlichen Afrika. Es dauerte ein halbes Jahr, bis sie hier in Namibia ankamen. Das hat sehr viel mit Kolonialgeschichte zu tun. Es wird erzählt, dass Mugabe während seiner Inhaftierung (in den 1960er Jahren) mehrfach vergewaltigt worden sei und dies seinen Hass auf Schwule und Lesben geschürt hat. Warum unser damaliger Präsident und andere Politiker das so aufnahmen, war für uns weitgehend unverständlich. Aber wir vermuteten: In der Zeit — wenige Jahre nach der Unabhängigkeit — gab es hohe Erwartungen, gleichzeitig waren 1996 Arbeitslosigkeit und Armut verbreitet. Um dennoch das Projekt „Nationbildung“ durchzubringen, brauchte es Sündenböcke — Außenseiter, die Schuld an allem waren. Diese Rolle wurde den Lesben und Schwulen in Namibia zugeschrieben.

Wir hatten bis dahin gedacht, wir gehören zum neuen Namibia dazu. Wir standen auf öffentlichen Bühnen und arbeiteten mit kreativen Stimmen, etwa Gedichten. Wir hatten schon fünf Jahre Sister Namibia gefeiert und über die gleichnamige Zeitschrift begonnen, Lesben zu mobilisieren. Doch das war schon zu viel für die hohen Herren. Das richtete sich immer gegen Lesben, weil wir sichtbar politisch aktiv waren. Letztlich ging es immer gegen Elizabeth und mich. Es gab sehr viele Fernsehberichte, etwa wenn Sam Nujoma irgendeinen Gewerkschaftskongress eröffnete und plötzlich gegen Liz und Elizabeth wetterte. Das war eine Zeit der Einschüchterung, als wir nicht wussten, ob wir hier bleiben und im neuen Namibia für Lesben und Schwule weiterkämpfen konnten oder in ein anders Land ins Exil gehen mussten.

Denn auch der damalige Innenminister Jerry Ekandjo gab bei einer Feier im Jahr 2000 jungen Polizisten den Auftrag, Lesben und Schwule zu verhaften, zu deportieren und zu eliminieren. Diese öffentliche Hetze hat sich gelegt, nachdem Sam Nujoma nicht mehr Präsident war, bis unsere Außenministerin nun wieder damit anfing. Hage Geingob, unser jetziger Präsident, war damals Premierminister. Während der Zeit der Hetzreden war er der einzige, der öffentlich sagte, alle Menschen in Namibia haben gleiche Rechte. Alle Menschen haben Menschenrechte.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia (Evangelical Lutheran Church in the Republic of Namibia) kam aus Wuppertal. Schon vor der Kolonialisierung hatten sich Missionare auf den Weg gemacht, um hier zu missionieren. Das ist ein koloniales Erbe, das wir noch immer in den Kirchen sehen. Es hat sich in einigen der lutherischen Kirchen etwas verändert. Aber inzwischen gibt es viele Pfingstkirchen, sie stellen eine Verbindung her zwischen traditioneller Hexerei (Witchcraft) und dem christlichen Teufel. Demnach steckt das alles in den Lesben, die sollen in den Kirchen öffentlich verprügelt werden, um sie von Hexerei und Teufel zu erlösen.

Zum kolonialen Erbe zählt auch die Entmachtung von Frauen durch die deutsche Kolonialherrschaft, um das Land besser in den Griff zu bekommen. Die Kolonialherren bestärkten männliche lokale Autoritäten, mit denen sie verhandelten. Frauen hatten dabei nichts mehr zu sagen. Das schlug sich dann in den Traditionen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in Namibia nieder.

Martina Backes: Eine Frage zur Sichtbarkeit: Im Unterschied zu vielen Ländern, in denen Männer und von Männern dominierte LGBTI-Organisationen das Bild des Aktivismus prägen, scheinen es in Namibia vor allem Frauen zu sein. Stimmt es, dass Lesben die Sichtbarkeit geschaffen haben?

Liz Frank: Sister Namibia wurde von Heterofrauen und Lesben gegründet. Aber in den ersten drei Jahren erwähnten sie nicht das L‑Wort. Dann sagte Sam Nujoma in einem Zeitungsinterview: „Die Lesben untergraben unsere Demokratie (The lesbians are undermining our democracy).“ Dann haben Elizabeth und ich einen langen Leserinnenbrief an die Medien geschickt mit dem Titel: Wem gehört unsere Demokatie?? (Who’s democracy is it?) Damit standen wir in der Öffentlichkeit. Und wir dachten, dann gestalten wir diese Öffentlichkeit über das Sister Namibia Magazin. Als die Hetzreden über die Mugabe-Nujoma-Schiene anfingen, kamen schwule Männer auf Sister Namibia zu.

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Wir erklärten, wir seien eine feministische Frauenorganisation, schlugen aber vor, gemeinsam das Rainbow Project zu gründen. Das war 1997. Jedes Mal, wenn es Hetzreden gab, gingen wir auf die Straße. Gleichzeitig schlossen wir immer breitere Bündnisse mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Innerhalb weniger Jahre hatten wir alle auf unsere Seite gezogen. Dann gab es eine witzige Demonstration von LSBTI und weißen Bauern, weil plötzlich alle von Nujoma angegriffen wurden. Wir gingen gemeinsam auf die Straße und trugen ein riesiges Banner mit der Forderung: Alle Menschenrechte für alle! (All human rights for all!)

Martina Backes: Wie verhalten sich die Deutschen in Namibia gegenüber LSBTI-Organisationen und gegenüber homophoben Stellungnahmen der Regierungspartei? Welche Bedeutung hat Hautfarbe in den intern diversen LSBTI-Organisationen und was ist Deine Rolle als weiße Person im Kampf um gleiche Rechte?

Liz Frank: Ich habe zu den Deutschen hier eigentlich keinen Kontakt. Gegenüber der Regierung sind sie sehr zurückhaltend und nicht öffentlich politisch. Sie fokussieren mehr auf den wirtschaftlichen Bereich und äußern sich politisch kaum. Zudem sind die Rassenschranken noch immer sehr tief. Zwar kennen wir einzelne weiße Lesben, aber da ist noch ein tiefer Graben zwischen weißen und schwarzen Lesben. Während die Weißen einen reichen Lebenswandel und Angst um ihre Sicherheit und vor Schwarzen haben, leben diese weit entfernt von den Weißen in ärmeren Stadteilen, wie Katutura. Die weißen Frauen wissen meist sehr wenig über ihre schwarzen Hausangestellten und deren Situation zuhause. Es sind also ganz getrennte gesellschaftliche Bereiche. Da ist noch viel zu tun, um diese Gräben zwischen Frauen zu überwinden.

Zu meiner Rolle – es braucht immer eine Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Das betraf beispielsweise anfänglich Elizabeths Familie und ihren Freundinnenkreis. Einige haben versucht, unsere Beziehung aufzubrechen. Wir haben aber standgehalten, denn unsere Beziehung war das Wichtigste und das Richtige für uns. Inzwischen wären alle entsetzt, wenn wir nicht mehr zusammen wären. Die jungen Lesben fragen ständig, wie habt Ihr es geschafft, trotz kultureller Unterschiede und Altersunterschiede dreißig Jahre lang diese Beziehung weiterzuentwickeln. Sie wollen einen Film über uns drehen. Diese Geschichte müssen wir irgendwann mal schreiben.

Buch: Tommy Boys, lesbian men and ancestral wives

Denn Elizabeth ist eigentlich die Mutter der Lesbenbewegung in Namibia. Ihr Mut, ihre Kraft und Kreativität zeichnen sie aus. Sie ist Dichterin, Philosophin und kritische feministische Aktivistin. Bereits für Sister Namibia begann sie mit dem Aufbau und der programmatischen Integration lesbisch-feministischer Führungskompetenzen (Building feminist lesbian leadership). Das übernahm sie in das Women’s Leadership Centre, das sie 2004 gründete. Sie wirkte 2005 mit am Sammelband „Tommy Boys, lesbian men and ancestral wives“ und schrieb einen Beitrag über lesbian men — über Damara Lesben. Damals hatten wir noch keine Transbewegung oder Begriffe wie Butch, daher sprachen wir von lesbischen Männern (lesbian men). Dieses Buch ging auf ein Forschungsprojekt zurück, das erstmals Lesben aus dem südlichen Afrika zusammenbrachte.

Ein Teil unseres Aktivismus sind Publikationen: „Being ourselves, being resiliant. A guide to wellbeing for young lesbians in Namibia“ oder eine Broschüre für Eltern: „Loving and supporting our lesbian daughters“, die auch auf Afrikaans und Oshiwambo erschien. Wir arbeiten oft mehrsprachig – das orientiert sich an den verschiedenen Sprachen und Regionen im Land. Workshops sind auch sehr wichtig, um junge Lesben aus ihrer Isolation zu holen. Zum Austausch schaffen wir sichere Räume (safe spaces), wo wir zusammen weinen und lachen, unsere Rechte als Lesben in Namibia und in der Welt kennenlernen. Wir finden unsere Stimme, werden stark und stehen zusammen. Wir wollen nicht länger reaktiv auf die Straße gehen, wenn gehetzt wird, sondern Lesben stärken, sodass sie ihre Kraft und ihren Stolz finden. Dann können sie sich selbst organisieren, wenn sie sich entscheiden, gemeinsam zu protestieren.

Martina Backes: Wie seid Ihr regional und international vernetzt?

Liz Frank: Sister Namibia und das Rainbow Project haben 2004 die Coalition of African Lesbians (CAL) gegründet. Damals hatten wir kaum Wissen voneinander. Allerdings gab es in Südafrika die Webseite „Behind the mask“, dort konnten langsam Schwule und Lesben aus vielen afrikanischen Ländern zusammenfinden. Über dieses Projekt haben wir 2004 Lesben aus dreizehn afrikanischen Ländern nach Windhoek eingeladen — aus Ruanda, Uganda, Sierra Leone, Kenia, Tansania und dem südlichen Afrika. CAL hat inzwischen ihr Büro in Johannesburg mit über zwanzig Mitarbeiterinnen. Sie leisten Lobbyarbeit gegenüber den Vereinten Nationen (UN) in Genf und der Afrikanischen Menschenrechtskommission und bauen gleichzeitig Lesbengruppen in den einzelnen Ländern auf.

Martina Backes: Feministische Strategien müssen in den einzelnen Ländern unterschiedlich sein. Inwiefern siehst Du die Entwicklungszusammenarbeit und Deutschland in der Verantwortung, dass LSBTI-Menschenrechte mehr Anerkennung finden?

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Liz Frank: International sind wir gut vernetzt. Über die Coalition of African Lesbians und initiiert von Cornelia Sperling, Frauenliebe im Pott — Flip e.V. im Ruhrgebiet, gibt es ein Austauschprojekt in Nordrhein-Westfalen und vier Ländern im südlichen Afrika. Drei Lesben aus Namibia waren auf dem Christopher Street Day in Düsseldorf 2019. Das ist ein konkretes Beispiel, wie wir zusammenfinden, post-kolonial zusammenarbeiten und neue Projekte entwickeln können. Denn es kommen dann nicht nur Europäer*innen nach Afrika, um uns zu studieren oder zu unterstützen. Sondern es gibt die Möglichkeit für junge Lesben aus verschiedenen afrikanischen Ländern, die Lesbenbewegung in Deutschland kennenzulernen und einen anderen Weitblick zu entwickeln.

Gleichzeitig werden Sister Namibia und das Women’s Leadership Centre von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt. Über zweieinhalb Jahre finanzierte der Solidaritätsdienst International (SODI e.V.) in verschiedenen Regionen Namibias Lesbenprojekte und kleine Workshops für Lehrerinnen und Lehrer. Zudem unterstützt die Heinrich Böll Stiftung seit vielen Jahren unsere Lesbenarbeit, beispielsweise unsere Lesbenfestivals der letzten drei Jahre. Diese Ebene der Zusammenarbeit über deutsche Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen schätzen wir sehr. Denn sie kommen nicht ins Land und sagen uns, ihr müsst Euch mit dieser oder jener Organisation vernetzen oder dies und das tun. Das erleben wir aber auch, etwa von Gebern aus Großbritannien. Aber so geht das nicht. Vielmehr wollen wir eigene Vorschläge entwickeln und an Geber übermitteln, die uns vertrauen und deshalb unsere Arbeit unterstützen.

Martina Backes: Inwiefern erfolgt durch die Gespräche eine post-koloniale Aufarbeitung und welche Ergebnisse werden für Eure Arbeit konkret erzielt? Welche Veränderungen kann man erreichen, indem man sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzt?

Liz Frank: Meines Erachtens ist es für die jungen Lesben in der Lesbenbewegung wichtig, erst mal 30 Jahre Unabhängigkeit kennenzulernen und darüber hinaus die schreckliche Geschichte von Apartheid und Kolonialismus. Es gibt eine spontane Bewegung von jungen Aktivisten über #blacklivesmatter in den USA gegen deutsche Kolonialdenkmäler, doch das ist noch keine fokussierte Bewegung.

Buch: Boy wives and female husbands

Bislang gehen wir noch nicht weit in die deutsche Kolonialgeschichte zurück. Vielmehr arbeiten wir auf der Ebene, junge Lesben vor Suizid, HIV und Gewalt in ihrem heutigen Leben zu bewahren. Und es geht darum, ein Verständnis für Rechte und Gesetze zu schaffen. Ein weiteres Anliegen ist es, das Patriarchat in unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu verstehen, denn deren vorkoloniale Rechtsgrundlagen und Traditionen sind sehr verschieden. Beispielsweise geht es uns in der Sambesi Region darum, über kulturelle Praktiken in Verbindung mit Menschen‑, Frauen- und Kinderrechte zu sprechen, so dass Frauen sagen: „Wir haben das Recht, unsere Kultur und traditionelle Praktiken wie Polygamie oder gewalttätige Initiationsriten für Mädchen in Frage zu stellen und zu verändern.“ Wir arbeiten also mehr auf der heutigen Ebene und woher die heutigen Bedingungen kommen.

Martina Backes: Gibt es in Namibia auch die Einschätzung, Homosexualität sei unafrikanisch?

Liz Frank: Ja, das war während der Hetze unter Nujoma. Gelegentlich stachelt jemand das an. Doch insgesamt hat sich während der letzten dreißig Jahre die öffentliche Meinung zu LSBT geändert. Die Medien sind alle fortschrittlich und stehen hinter uns.

Zu vorkolonialen homosexuellen Praktiken ist noch zu erwähnen: Anfang des 20. Jahrhunderts reiste der deutsche Forscher Kurt Falk durch das heutige Namibia, lernte die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen kennen und dokumentierte in allen elf Gesellschaften gleichgeschlechtliche Handlungen.*

Aber insgesamt gibt es sehr wenige Forschungen zur vorkolonialen Zeit. So entdeckte eine Musikwissenschaftlerin im Ovamboland ein Instrument, das nur Männer in Frauenkleidung bei Hochzeiten spielten und dabei ein bestimmtes Lied vortrugen. Alles andere müssen wir noch erforschen und dokumentieren.

* Kurt Falk schrieb einen Aufsatz für das Archiv für Menschenkunde Jg. 1, H. 5, 1924 / die Zeitschrift Geschlecht und Gesellschaft Jg. 13, 1925, die vom Institut für Sexualwissenschaft, Dr. M. Hirschfeld-Stiftung, herausgegeben wurde. Eine englische Übersetzung erschien in: Murray S. / Roscoe W. (eds.): Boy wives and female husbands. Studies in African homosexualities. Palgrave, New York 1998

Gesprächsdokumentation: Dr. Rita Schäfer

Dr. Rita Schäfer: Freiberufliche Wissenschaftlerin und Autorin mehrerer Bücher und Studien zu Gender im südlichen Afrika, u.a. zusammen mit Eva Range: Wie mit Homophobie Politik gemacht wird (2013), The political use of homophobia (2014)

Dieser Online-Talk fand im Rahmen der Reihe „Leave no one behind! — Entwicklungszusammenarbeit und LSBTI Perspektiven“ statt.

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Mit Mitteln des BMZ

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Für den Inhalt ist allein der LSVD verantwortlich. Die dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global oder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.

Weiterführende Weblinks, zusammengestellt von Rita Schäfer:



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