Glaubensgemeinschaften als Teil des Problems – und der Lösung

Religiös motivierte Diskriminierung erleben LSBTI*-Personen weltweit. Ob christliche Kirchen oder andere Religionsgemeinschaften: Sie grenzen aus, verweigern Teilhabe am Gemeindeleben, zwingen in die Unsichtbarkeit, beteiligen sich mancherorts sogar an staatlicher Verfolgung. LSBTI*-freundliche Kirchen und konfessionelle Träger der Entwicklungszusammenarbeit sorgen dabei für Gegenwind. Religiös motivierte LSBTI*-Feindlichkeit ist das Thema des Forum 2 bei der Online-Konferenz der Hirschfeld-Eddy-Stiftung im Dezember 2020.

Panel Forum 2

Es gibt auch diejenige, die sich gegen Diskriminierung wenden – weil sie selbst zur angesprochenen Gruppe gehören oder, wenn nicht, weil sie Diskriminierung von Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung nicht mit ihrem Glauben vereinbaren können. Drei Frauen schildern in der Hirschfeld-Eddy-Konferenz ihre Erfahrungen mit LSBTI*-Feindlichkeit und den mehr oder weniger erfolgreichen Umgang damit im Bereich christlicher Kirchen.

Besenstrich für Besenstrich

Henny Engels, Martina Basso

Ihr Coming-out hatte sie mit 23 Jahren. Ihre erste große Liebe scheiterte daran, dass ihre Angebetete Pfarrerin in einer Kirchengemeinde war. Soll sie das Theologiestudium fortsetzen? Oder, wie andere Kommiliton*innen, hinwerfen? Martina Basso macht weiter. Heute arbeitet sie im Mennonitischen Friedenszentrum Berlin. Die evangelischen Kirchen in Deutschland, erzählt Basso, konzentrierten sich bezüglich Homosexualität und Kirche seit den 1970er Jahren auf theologische Diskurse – von „Homosexualität ist Sünde“ über „Homosexualität im Pfarrarmt“ bis hin zur kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlich liebender Paare. Auf internationaler ökumenischer Ebene sind Fortschritte eher Schrittchen, ängstlich und zögerlich. Gebremst von der Angst, bestimmte Kirchenfamilien – wie etwa die der Orthodoxie – zu verlieren. Oder, wie bei der weltweiten methodistischen Kirche, von der Sorge vor einer Spaltung.

Gefahr von rechtsevangelikal Gesinnten

Aber die eigentliche Gefahr für LSBTI*, so Basso, „kommt längst nicht mehr aus den Landeskirchenämtern“. Sie kommt von rechtsevangelikal Gesinnten aller Konfessionen, die sich international organisieren und sich – offen für Nichtreligiöse aus dem konservativen bis rechtsextremen Spektrum – gegen den „Liberalismus“ engagieren, der aus ihrer Sicht die traditionelle Ordnung der Familie und der Geschlechter zerstören will. Sie engagieren sich bei der UNO, heizen „Cultural Wars“ an und pushen Gesetze wie den „Uganda Anti-Homosexuality Act“ von 2014, die für Homosexualität die Todesstrafe vorsehen.

Und wie weiter? Die Erfahrung in der Vereinigung der deutschen Mennonitengemeinden (VDM) hat Martina Basso gelehrt: Es kommt nicht unbedingt auf Statements zum Thema LSBTI* an. Ihre Kirche, die VDM, ist keine explizit LSBTI*-freundliche Kirche. Aber eine Kirche, die sich als Teil der historischen Friedenskirchen und insofern als tolerante Kirche verstehe. Als eine Kirche, für die Inklusion die Kehrseite von Diskriminierung, Ausdruck einer Theologie der Gottebenbildlichkeit und damit der Gleichwertigkeit aller Menschen sei. Eine Kirche, in der dann – in biblischer Sprache – gilt: „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich; denn alle seid Ihr einzig-einig im Messias Jesus.“ (Gal 3,28 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache).

Für Gegenwind sorgen“ ist für Basso nicht der einzige Weg zur Veränderung. Eher setzt sie auf die Methode Beppos, des Straßenkehrers aus „Momo“. Der weiß: Es ist der kontinuierliche Besenstrich, der eine lange Straße besenrein macht; Besenstrich für Besenstrich in der Arbeit mit der Partnerkirche in Simbabwe; auf internationaler Ebene in der Zusammenarbeit der Kirchen; im interreligiösen Dialog auf „grassroot level“.

Die afrikanische Glaubenslandschaft verändern

Ecclesia de Lange

Homosexualität ist in mehr als 30 afrikanischen Ländern immer noch illegal. In einigen steht darauf die Todesstrafe. In anderen werden Morde an oder Verbrechen gegen LSBTI*-Personen nicht untersucht – eine implizite staatliche Zustimmung für solche Hassverbrechen.

Religionen und wirkmächtige religiöse Institutionen, so Ecclesia de Lange von den Inclusive & Affirming Ministries (IAM) in Südafrika, sind in Afrika nach wie vor ein wichtiger Grund dafür, dass LSBTI* ihre Menschenrechte nicht wahrnehmen können. Religiöse Überzeugungen und Werte sind tief in allen Bereichen der Gesellschaften verankert, religiöser beziehungsweise christlicher Fundamentalismus ist Grund und Triebkraft für Diskriminierung und Gewalt gegen LSBTI*. Dabei wirkt das Narrativ „Homosexualität ist Sünde“, das christliche Missionar*innen im Zuge der Kolonialisierung nach Afrika importiert haben, bis heute in die Kirchen ebenso wie in die staatliche Gesetzgebung afrikanischer Länder hinein. Sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und ‑ausdruck von LSBTI*-Personen werden überwiegend als gegen die Normen und Werte der Bibel und als „unafrikanisch“ angesehen. In den Gemeinden fehlt es in der Regel an unterschiedlichen Interpretationen der Bibel und der gelebten Realitäten von LSBTI*-Menschen.

Was tun? Die Inclusive & Affirming Ministries in Südafrika haben eine Vision: Glaubensgemeinschaften in ganz Afrika, die willkommen und bekräftigend sind. Wo Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und intergeschlechtliche Menschen teilnehmen und in ihrer spirituellen, psychologischen und sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, des Geschlechtsausdrucks und der Geschlechtsmerkmale gestärkt werden. Ecclesia de Lange und ihre Kolleg*innen von IAM setzen auf Programme, die die LSBTI*-Gemeinschaft, Familien und Freund*innen sowie HIV-Infizierte unterstützen und für die Auseinandersetzung in und mit religiösen Gemeinschaften stärken.

Um Fortschritte zu erreichen, sind Dialoge mit gesellschaftlichen Stakeholdern in sicheren Räumen nötig. Und: Kirchen und Gemeinden brauchen Ressourcen, damit sie sich zu Gemeinschaften entwickeln können, die LSBTI* willkommen heißen. Nur so können die Veränderungen erreicht werden, die sich IAM und andere in der afrikanischen Glaubenslandschaft wünschen.

Dreh- und Angelpunkt Geschlechtergerechtigkeit

Gleichberechtigung ist ein Menschenrecht und die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit ein Weg, um Hunger und Armut zu überwinden. Das ist die Leitlinie von Brot für die Welt.

Für das Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland, für die weltweite Entwicklungszusammenarbeit heißt das, so Carsta Neuenroth: Jenseits von Geschlechtsidentität und Rollenklischees müssen alle Menschen während ihres gesamten Lebensverlaufs die gleichen Chancen und Rechte haben, um ihren Lebensentwurf zu verwirklichen, ihre Fähigkeiten zu entfalten und sich gleichberechtigt in die Gestaltung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens einzubringen.

Carsta Neuenroth

Engagement für Gleichberechtigung, Geschlechtergerechtigkeit und Empowerment von Frauen: Das ist die Grundlage für Offenheit gegenüber und Förderung von LSBTI* in Projekten des kirchlichen Hilfswerks, unter anderem in Russland, Vietnam, Uganda, Malawi und, länderübergreifend, Afrika und Zentralamerika. Ein besonderer Erfolg ist dabei die Initiierung eines interreligiösen Netzwerks religiöser Führungspersönlichkeiten aus 16 afrikanischen Ländern – mit dem erklärten Ziel, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen in Verbindung mit geschlechmtsspezifischer Gewalt und Gewalt gegen LSBTI* zu reduzieren.

Margot Papenheim

Die Online-Konferenz fand im Rahmen des Projekts „Internationale Menschenrechtsdebatten nach Deutschland vermitteln“ statt. Zur vollständigen Dokumentation der Online-Konferenz geht es hier. Alle Blog-Artikel und Veranstaltungsberichte zum Projekt sind unter dem Tag HR-2020 zu finden. 

BMJV


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