Queere Lebenswirklichkeiten, Safe Spaces und Dekolonisierung: Clementine E. Burnley und Tim B. Agaba

In dem Web-Talk „Afrikanische Autor*innen in Bewegung (Migration): Clementine E. Burnley und Tim B. Agaba über Queerness, Räume und Menschenrechte“ vom 21. Juli 2020 sprachen Tim B. Agaba und Clementine E. Burnley über queere Lebenswirklichkeiten, Selbstzensur, Safe Spaces, Rassismus, Dekolonisierung und darüber, wie Klassenhierarchien den Zugang zu Menschenrechten beeinflussen.

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Einladung

Tim B. Agaba und Clementine E. Burnley sind beide Nachwuchsautor*innen. Sie haben sich ganz zufällig kennengelernt. Am ersten Tag von Chimamanda Ngozi Adichie’s Purple Hibiscus Trust (PHT) Creative Writing Workshop (Nachfolger des Farafina Workshops), saßen sie nebeneinander, während Frau Adichie sich durch den Verkehr in Lagos kämpfte.

Sie unterhielten sich über Orte, die ihnen am Herzen lagen. Tim sprach von der ugandischen Kafunda (einer Bar), einem sehr einfachen, intimen Lokal, wo er hinging, um Muchomo (geröstetes, geräuchertes Fleisch) zu essen und zu tanzen, wenn ihm danach war.

Tim: „Seitdem wir miteinander ins Gespräch kamen fühlt es sich an wie eine Unterhaltung, die niemals wirklich aufgehört hat. Wir lesen die Texte voneinander und sind Vertraute geworden.“

Clementine: „Wir wussten es damals noch nicht, aber wir hatten bereits den Vorsatz der bekanntesten afrikanischen Schriftstellerin ihrer Generation erreicht: eine literarische Freundschaft.“

Clementine E. Burnley

Dieses Treffen im Jahr 2018 legte den Grundstein für einen Web-Talk über Queerness, Räume und Menschenrechte, der im Juli 2020 stattfand und von der Hirschfeld-Eddy-Stiftung veranstaltet wurde.  Im Web-Talk sprachen Tim und Clementine über queere Lebenswirklichkeiten, Selbstzensur, Safe Spaces, Rassismus, Dekolonisierung, und wie Klassenhierarchien den Zugang zu Menschenrechten beeinflussen.

Literarische Workshops als Safe Spaces und Inkubatoren für schriftstellerische Tätigkeit auf dem afrikanischen Kontinent

Zunächst ging es in dem Gespräch um das Potential von Workshops, als literarische Inkubatoren, kreative Plattformen und Safe Spaces für afrikanische Autor*innen zu fungieren. Auf dem PHT Workshop 2018 sagte Frau Adichie: „Literarische Freundschaften nähren Autor*innen.“ Der brillante schwule Schriftsteller Binyavanga Wainaina (1971−2019) und Frau Adichie hatten eine jahrzehntelange literarische Freundschaft. Er war ein fester Bestandteil des Farafina Workshops. Die Beziehung zwischen diesen beiden Mentor*innen nährte aufstrebende Autor*innen mehr als zehn Jahre lang.

Clementine: „Schreiben kann sehr einsam sein. Beim Schreiben geht es viel darum zu denken, dass Du etwas zu sagen hast und dann zu realisieren, dass Du es nicht gut genug gesagt hast.“

Autor*innen graben Angst, Schmerz, Schuldgefühle und Empfindsamkeit aus und warten dann auf die Beurteilung dessen von außen. Autor*innen sind mit Unbehagen, Ablehnung und Selbstzweifeln vertraut. Bezahlte Veröffentlichungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Die gängige Meinung in der Literaturwelt ist, dass afrikanische Leser*innen sich nicht mit queeren Geschichten identifizieren und weiße Leser*innen nicht mit Schwarzen Lebenswirklichkeiten. Warum also über queere Themen schreiben? Wohlmeinende Freund*innen, Verwandte, oder Kolleg*innen versuchen Autor*innen oft davor zu warnen queere Geschichten zu schreiben indem sie sagen „Ich wollte es nur gesagt haben.“

Weißt du denn nicht, dass das, was du da schreibst ‚komisch‘ ist?“

Zu diesem Zeitpunkt wissen die gewarnten Autor*innen, dass sie sich dafür entscheiden müssen anders zu schreiben. Sie müssen ihre ‚komischen‘ Geschichten aufgeben. Es ist schwierig afrikanischen Autor*innen einen Vorwurf zu machen, wenn sie die logische Entscheidung treffen, sich von einer näheren Betrachtung Schwarzer, gleichgeschlechtlicher Liebe in ihrem Texten fernzuhalten.

Der Purple Hibiscus Trust Workshop ist einer der wichtigsten literarischen Räume auf dem afrikanischen Kontinent. Dave Eggers, Tash Aw, Lola Shoneyin waren angekündigt worden. Folglich waren Tim und Clementine an diesem ersten Tag im Jahr 2018 beide sehr aufgeregt.

Als Frau Adichie den Raum betrat wurde alles still. Die Klimaanlagen waren lauter als die Stimmen der Autor*innen.

Ihr könnt Euch entspannen,“ sagte Ms. Adichie. „Ich habe Eure Texte gelesen und mein Verleger Dr. Eghosa hat Eure Texte gelesen. Wenn Ihr es hier in diesen Raum geschafft habt, dann verdient Ihr es hier zu sein.“

Alle Anwesenden hatten gehofft, dass Binyavanga Wainaina auch in Lagos sein würde. Leider war er es nicht. Angefangen mit dem Gewinn des Caine Preises, bis über die Gründung des Kwani? Magazins, hatte Wainaina die englische Sprache beim Genick gepackt um durch sie afrikanische Perspektiven zu transportieren. Diejenigen, die Ms. Adichie’s Interview im Time Magazin gelesen hatten wussten, dass Wainaina mit den gleichen Schuld- und Schamgefühlen kämpfte, die viel schwule, lesbische, bisexuelle, trans, nicht-binäre und gender-nonconforming Afrikaner*innen empfinden, weil so viele Menschen sie mit religiösen Normen und Anstandspolitik (Respectability politics) angreifen.

 Tim B. Agaba

Somit ist es stimmig, wenn Tim sagt: „Der Workshop hat mich zu einem queeren Schriftsteller gemacht. Der Workshop schuf eine Umgebung die, wenn ich zurückblicke, wie abgeschottet von Raum und Zeit war. Eine Umgebung, in der wir die alltäglichen Dinge, die uns im Schreiben einschränkten, ablegen konnten, um einfach schreiben und atmen und nachdenken und reden und vom Schreiben träumen zu können.“

Beim Purple Hibiscus Trust Workshop (PHT) fanden die Autor*innen für sich heraus, dass sie das, was sie als Autor*innen ausmachte zelebrieren konnten.

Es wurde ihnen klar, dass Queersein kein Makel war, für den sie sich schämen mussten.

Clementine: „Ab diesem Moment gab es keine Ausreden mehr.“

Tim: „Wir waren endlich in einem Raum, in dem wir Geschichten über die Menschen schreiben konnten, die wir kannten und zwar so wie sie waren.“

Menschenrechte, Institutionen und das Gesetz

Was sind gemeinsame queere Lebenswirklichkeiten, außerhalb von sicheren Räumen wie der Kafunda und einigen ausgewählten Workshops? Wo haben queere Ugander*innen ein Recht zu existieren, ohne etwas Besonderes zu sein oder zu tun? Ohne beweisen zu müssen, gut oder würdig zu sein? Was ist mit Menschen, die nicht reich sind, die keine Aktivist*innen sind, die nicht kämpfen wollen, die sanftmütig sind, die einfach nur fühlen wollen, wie ihr Blut fließt und dann aufhört zu fließen, oder die einfach nur die Luft aus unserem Wesen ein- und ausströmen lassen wollen.

Dies ist die Realität in Uganda. Bei der letzten Überprüfung der Menschenrechtslage durch die Vereinten Nationen, der Universal Periodic Review (UPR), im Jahr 2016 stimmte Uganda weder den Empfehlungen zur Entkriminalisierung einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen zu, noch der Bekämpfung von Diskriminierung gegenüber LGBT*I*Q‑Menschen, noch der uneingeschränkten Besuche von UN-Sonderberichterstatter*innen.

Nichtsdestotrotz hat der Zugang zur gesundheitlichen Versorgung und die Bereitstellung von Rechtshilfe Wege für die Inklusion von LGBT*I*Q eröffnet. In Bezug auf HIV-Prävention und – Versorgung hat das ugandische Gesundheitsministerium die Bedürfnisse von LGBT*I*Q‑Personen als eine der wichtigsten Gruppen in der Programmentwicklung berücksichtigt. LGBT*I*Q‑Personen, die verhaftet wurden und Organisationen, bei denen es zu Razzien kam, haben Rechtshilfe erhalten. Doch obwohl das Gefängnissystem queere Menschen besser behandelt als die Polizei, sind Hohn, Spott und Demütigungen durch Gefängnisbeamte und Mitgefangene an der Tagesordnung. Trans-Personen wurden geschlechtlich falsch zugeordnet und im falschen Gefängnis eingesperrt, wodurch sie weiterer sexueller Gewalt und Missbrauch ausgesetzt wurden.

Da die meisten Rechtsverletzungen auf mangelnde finanzielle Unabhängigkeit zurückzuführen sind, scheinen Menschenrechte den Privilegierten vorbehalten zu sein. Mittellosen LGBT*I*Q‑Personen mangelt es an gleichwertiger Bildung, Gesundheitsdiensten, Freizeitgestaltung und Schutz in der Wohnung und am Arbeitsplatz.

Wenn wir ‚Black Lives Matter‘ sagen, müssen wir es auch meinen, uneingeschränkt.

Afrikaner*innen können sich nicht teilweise dekolonisieren. Wir können nicht einerseits die Ausbeutung unserer Ressourcen und die Auslöschung unseres indigenen Wissens ablehnen und verurteilen und andererseits an homophoben Haltungen aus der Kolonialzeit festhalten. Dekolonisierung von Menschenrechten bedeutet eine Einbettung in bestehende lokale Betrachtungsweisen und eine Würdigung unserer gemeinsamen Menschlichkeit: Grundsätze, die das lokale Ethos sowieso schon in gewisser Weise prägen. Wenn wir alle es schaffen so von unseren kollektiven Ressourcen zu profitieren, dass sie uns ganzheitlich am Leben erhalten, sowohl physisch als auch seelisch, dann verändert sich die Welt. Wenn wir sagen ‚Black Lives Matter‘, dann müssen wir es uneingeschränkt meinen. Die sichtbare Anerkennung, Rückbesinnung auf und Bekräftigung von queerer Verwandtschaft über Zeitalter, Klassen- und Altersgrenzen, Glaubensrichtungen, Nationalitäten, und Kontinente hinweg – so wie sie jetzt und innerhalb der letzten zehn Jahre geschehen ist – ist ein kraftvolles Symbol: eine Illustration des Vertrauens in das Recht auf die eigene Existenz, eine Weigerung ausradiert oder ausgelöscht zu werden. Vielleicht ist das größte Geschenk, welches uns die Ahnen hinterlassen, die Weisheit und Schönheit, uns in diesem fortwährendem Projekt, welches wir Geschichte nennen, zu verorten.

Text: Clementine E. Burnley, Tim B. Agaba

Clementine E. Burnley ist als Autorin, Rednerin und Coach tätig. Sie schult, berät und unterstützt Aktivist*innen in Führungspositionen innerhalb von Gruppen und Organisationen, die sich für soziale Gerechtigkeit in den verschiedensten Bereichen einsetzen. Sie stand auf der Shortlist für den Bath Flash Fiction Award, First Pages Prize, Amsterdam Open Book Prize und den Bristol Short Story Prize und sie wurde 2018 von Chimamanda Adichie für den Purple Hibiscus Trust Workshop in Lagos, Nigeria ausgewählt. Ihre jüngsten Texte erschienen in der National Flash Fiction Anthology, Ink, Sweat and Tears und im Barren Magazine.

Hier können Sie mehr herausfinden.

Tim B. Agaba ist ein queer-feministischer Autor und Menschenrechtsanwalt, der seit 2013 im ugandischen Menschenrechtssektor tätig ist. Er hat sich für den Schutz von Menschen eingesetzt, die Menschenrechte verteidigen – primär durch Forschung, Schulungen, Community-Dialoge und die Entwicklung von Positionspapieren, sowie Informations‑, Bildungs‑, und Kommunikationsmaterialien (IEC).

Er war Mitglied eines Teams, das eine nationale Strategie zum Umgang mit gefährdeten Gefangenen entworfen hat. Zuletzt forschte er zusammen mit der Professorin Priscilla Ocen im Rahmen ihres Fulbright-Stipendiums über die Rolle von geschlechtsspezifischer Gewalt bei der Inhaftierung von Frauen.

Tim ist Absolvent des Purple Hibiscus Trust Creative Writing Workshop 2018, der von Chimamanda Ngozi Adichie in Lagos organisiert wurde. Er hat an Workshops mit Jennifer Nansubaga Makumbi und Professor Okey Nbide teilgenommen.

Sie können Tim hier auf Instagram finden.

Weiterführende Links:

  • Chimamanda Ngozi Adichie’s Purple Hibiscus Trust (PHT) Creative Writing workshop
  • LOLWE, ein Magazin für Literatur und Kunst
  • Uganda Women Writers’ Association (FEMRITE), existiert seit 2008 und ist bemüht, neue Stimmen in der literarischen Welt zu finden und gleichzeitig interkulturelle literarische Dialoge zu fördern, unter anderem durch die African Women Writers Association’s residency.
  • African Writer’s Trust, eine Organisation, die afrikanische Autor*innen und Herausgeber*innen durch Worskhops und Konferenzen miteinander vernetzt.
  • Writivism, führt einmal im Jahr ein Literaturfestival in Kampala durch und vergibt einen Belletristik- als auch einen Sachbuchpreis für angehende Autor*innen und veröffentlicht deren Werke.

Hirschfeld-Eddy-Stiftung
InterKontinental

Eine Veranstaltung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung in Kooperation mit InterKontinental im Rahmen des Projekts “Internationale Menschenrechtsdebatten nach Deutschland vermitteln”. Alle Blog-Artikel und Veranstaltungsberichte zum Projekt sind unter dem Tag HR-2020 zu finden. 

BMJV



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