Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer in Magdeburg

Stolperstein - Foto: LSVD-ArchivKZ Sachsenhausen, 11. Juni 1940 um 23 Uhr: Der 42jährige gebürtige Magdeburger Paul Walter Karl Juhe wählt angeblich den „Freitod durch Erhängen“. Nach Ver- büßung einer drei- jährigen Zucht- hausstrafe aufgrund des §175a war er wenige Tage zuvor als „Schutzhäftling“ nach Sachsenhausen gebracht worden. Knapp zwei Jahre später, Klinkerwerk, Außenlager des KZ Sachsenhausen, in dem sich beinah ausschließlich Rosa-Winkel-Häftlinge förmlich zu Tode schuften. Zwischen Juli und September 1942 werden an die 200 von ihnen gezielt durch die SS ermordet. Eines der Opfer, die bei „einem Fluchtversuch erschossen“ werden, ist Hsoum Ling-Li, 1940 wegen „Sittlichkeitsverbrechen“ ins Untersuchungsgefängnis Magdeburg gebracht, zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und in „Schutzhaft“ verwahrt.Damit die Schicksale von Juhe und Ling-Li nicht vergessen werden, hat der LSVD-Landesverband Sachsen-Anhalt die Patenschaft für zwei Stolpersteine übernommen, die im vergangenen November vor den letzten Wohnadressen der beiden verlegt wurden. Insgesamt erinnern nun vier von insgesamt 236 Magdeburger Stolpersteinen an homosexuelle NS-Opfer. Für jeden Namen gibt es eine Seite im Gedenkbuch der Stadt. Im Oktober 2011 sollen die nächsten Steine folgen. Alle finanziert mit den Spenden, die der Landesverband gesammelt hat.

Der Künstler Gunter Deming hatte die Idee, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, indem er vor deren letzten selbst gewählten Wohnorten Gedenktafeln aus Messing ins Straßenpflaster einlässt. Mittlerweile gibt es in zehn europäischen Ländern 28.000 dieser Steine, die auf jüdische Bürgerinnen, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle, Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter aufmerksam machen, die ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden. Denn so Demnig: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Auslöser für den sachsen-anhaltinischen LSVD, sich für eine Aufarbeitung der Geschichte von Homosexuellen im nationalsozialistischen Magdeburg zu engagieren, war eine Anfrage des Kulturhistorischen Museums anlässlich einer Ausstellung über lokale NS-Opfer. Uns fiel auf, wie wenig wir über den damaligen Alltag von Homosexuellen wussten. Der vom Museum beauftragte Historiker Rainer Hoffschildt aus Hannover brachte uns auf die Idee einer Stolpersteininitiative für schwule NS-Opfer und übernahm die Leitung für die Recherche der Lebensdaten und Biographien in den Archiven der Stadt. Eine mühevolle Kleinarbeit, da in der DDR oftmals nur von politisch Verfolgten genaue Daten aufbewahrt wurden. Dennoch konnten bis Ende 2009 für Opfer mit den Anfangsbuchstaben A bis L, d.h. rund 30 Personen die Lebensdaten zusammengestellt werden. Die finanziellen Mittel für die Erforschung der übrigen Biographien werden dieses Jahr zur Verfügung gestellt.

Bereits zum CSD 2009 wollten wir erste Stolpersteine verlegen. Doch so einfach war das nicht, denn es mussten Standorte von zerstörten Häusern geklärt, Genehmigungen eingeholt, ein Termin mit dem Künstler Deming vereinbart und die Finanzierung abgesichert werden. Dank der Hilfe durch die städtische Arbeitsgruppe „Stolpersteine“ konnten im November 2009 die ersten beiden Steine für homosexuelle NS-Opfer aus Magdeburg eingeweiht werden.

Parallel dazu machen wir die lokale Öffentlichkeit auf die Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus und unsere Magdeburger Forschungen aufmerksam. Wir organisierten Info-Abende mit dem Historiker Dr. Günter Grau und veranstalteten Gedenkstunden für die homosexuellen NS-Opfer Magdeburgs beispielsweise zum CSD 2009. In diesem Jahr wird es eine Autorenlesung mit Rainer Vollath („Zwei Lieben“) geben. Die Arbeitsgruppe der Stadt unterstützt uns bei der Öffentlichkeitsarbeit. Zusätzlich soll es auch eine Dokumentation über die verfolgten Homosexuellen in Magdeburg geben.

Der LSVD Sachsen-Anhalt ist zudem Mitglied im Beirat der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. In diesem Jahr wird eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte Lichtenburg bei Prettin eröffnet. Die Lichtenburg war eines der frühen Konzentrationslager, in dem nachweislich viele Homosexuelle eingesperrt wurden. Derzeit wird das Ausstellungsdrehbuch diskutiert. Wir sind beteiligt. In Bernburg befand sich eine von sechs Euthanasie“-Anstalten, in der Kranke, Behinderte und Häftlinge ermordet wurden. Die Gedenkstätte
könnte ein weiterer Schwerpunkt für uns werden. Wir wollen nicht, dass die Schicksale der vielen Homosexuellen vergessen werden.

Martin Pfarr, LSVD-Bundesvorstand und Vorstand LSVD Sachsen-Anhalt



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