Anonymisierte Bewerbungen — Eine Chance für Schwule und Lesben

Anonymisiertes Bewerbungsfoto - Foto: LSVD-ArchivDie Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) startete 2010 ein Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungen. Bei dem Verfahren enthalten die Bewerbungsunterlagen keine Angaben zu Namen, Adresse, Geburtsdatum, Familienstand und auch kein Foto. So soll verhindert werden, dass in der Vorauswahl fachfremde Kriterien eine Rolle spielen. Die Resonanz war zögerlich, nur fünf Unternehmen hatten sich für das Projekt begeistern können, außerdem das Bundesfamilienministerium, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Stadtverwaltung Celle. Dafür gab es umso mehr Gegner: Wie schon im Kampf gegen ein Antidiskriminierungsgesetz verweigern sich die Arbeitnehmerverbände. Man bemühte sich zu betonen, dass Diskriminierung nicht gewollt sei, aber ein anonymes Bewerbungsverfahren, das ginge nun wirklich nicht. Es sei zu kostspielig, praxisfern, eine unverantwortliche Einschränkung der unternehmerischen Freiheit und überhaupt zu bürokratisch.

Studien zeigen, dass Frauen und Personen mit fremd klingenden Namen weniger zugetraut wird, so dass sie häufig schon bei der Durchsicht der Bewerbungen aussortiert werden. Auch ältere Personen haben deutlich geringere Chancen überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. „Neben Alter, Geschlecht und Herkunft führt auch die sexuelle Identität von Menschen immer wieder zu Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt. Durch anonymisierte Bewerbungsverfahren ohne Foto und persönliche Angaben wollen wir in diesen Bereichen Diskriminierungen vermeiden und Vorurteile abbauen“, erläutert Christine Lüders, die Leiterin der ADS, das Vorhaben. Lesben und Schwule profitieren von dem Verfahren, weil die Angaben zum Familienstand wegfallen und niemand mehr lange nach dem am meisten heterosexuell wirkendem Foto suchen muss. Butch-Lesben, feminine Männer oder geschlechtlich schwer zuzuordnende Menschen haben so endlich mal die Chance, überhaupt eingeladen zu werden. Wenn dann das Vorstellungsgespräch den Schleier des Nichtwissens lüftet und das Aussehen der Bewerbenden nicht den Erwartungen entspricht, kann das ein Schock, aber auch eine Chance für beide Seiten sein.

Stellenausschreibungen und Bewerbungsverfahren richten sich unausgesprochen an heterosexuelle Menschen. Wer will, dass das anders gesehenwird, muss es ausdrücklich thematisieren, wie etwa die Stadt München. Dort wird allen Ausschreibungen, neben der Beschreibung der fachlichen Erfordernisse auch der Hinweis beigefügt, dass „Bewerbungen von Frauen und Männern, unabhängig von deren kultureller und sozialer Herkunft, Alter, Religion, Weltanschauung, Behinderung oder sexueller Identität“ begrüßt werden. Das, so Andreas Unterforsthuber von der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in München, ist nicht nur eine Formsache, sondern „Ausdruck der Haltung der Stadt“.

Zwei Wege ein Ziel: Mehr Anerkennung und weniger Diskriminierung. Wir wünschen uns, dass noch weitere Gleichstellungsbeauftragte und Stadtverwaltungen Initiativen in diese Richtung starten.

Renate Rampf, LSVD-Pressesprecherin



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