16.Mai 2015 — Gedenken an Magnus Hirschfeld an seiner ersten Wirkungsstätte in Magdeburg

Hirschfeld-_Rechte_ArchiveforSexology_HU-BerlinMagnus Hirschfeld, der Begründer der ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland, wurde am 14. Mai 1868 in Kolberg als Sohn des jüdischen Arztes Herrmann Hirschfeld geboren. Er studierte in Breslau, Straßburg, München, Heidelberg und Berlin und schloss das Studium als Doktor der Medizin ab. Zunächst einige Zeit als Zeitungsberichterstatter tätig, hielt er sich ab Sommer 1893 im Ausland auf.

Hirschfelds erste Wirkungsstätte war dann von 1894 ‑1896 die Stadt Magdeburg, wo er sich als praktischer Arzt und Arzt für Naturheilkunde im April 1894 niederließ. Seine Wohnung bezog er in
der Nachtweide 95 in der Neuen Neustadt. Hier richtete er auch seine erste Praxis ein und übernahm im Mai als 26jähriger die Leitung der Sozialhygienischen Lehranstalt, die sich in demselben Haus befand und der unter seiner Leitung 1895 das behördliche Gütesiegel „konzessionierte Naturheilanstalt“ verliehen wurde. Es war das erste Mal, dass dieses Gütesiegel in der preußischen Provinz Sachsen, zu der Magdeburg gehörte, verliehen wurde. Er gründete 1894 in der Neuen Neustadt eine „Hausarztkasse“, welche ihren Mitgliedern gegen ein geringes Entgelt freie ärztliche Behandlung gewährte. Im Herbst 1894 eröffnete er eine zweite, direkt in der City gelegene Praxis in der Schulstraße 4 und ein Jahr nach seiner Ankunft in Magdeburg eine dritte Praxis im Breiten Weg 168.

Hirschfeld entfaltete in Magdeburg eine umfangreiche Vortragstätigkeit, veranstaltete Kurse für Lehrer und Mediziner und publizierte Beiträge in medizinischen Zeitschriften. Zu den Kursthemen für Lehrer gehörten die naturgemäße Gesundheitspflege, das Alkoholproblem, die Schulhygiene und erste Hilfe bei Unglücksfällen. Neben den theoretischen Vorträgen gehörten zu den Lehrerkursen auch praktische Übungen der Naturheilkunde, Heilgymnastik, Massage, künstliche Beatmung, Fiebermessung und der Verbandstechnik. An den Kursen nahmen nicht nur Lehrer aus der Provinz Sachsen sondern auch aus Westfalen, Pommern, Posen, Braunschweig, Hannover, Hessen-Nassau, Sachsen, Schlesien, Schleswig-Holstein und Thüringen teil. Die Neue Pädagogische Zeitung schrieb im Frühjahr 1895, diese Lehrerkurse seien „bisher in Deutschland einzig“. Der Magdeburger Generalanzeiger lobte im Oktober 1895: „Der Gedanke, die Lehrer in deren Händen die Jugend und damit die Zukunft des Volkes ruht, mit den Gesundheitsbedingungen und Krankheitsursachen vertraut zu machen, ist (…) als ein recht glücklicher zu bezeichnen.“ Des Weiteren trat Hirschfeld dem Naturheilkundeverein Neustadt bei und führte für die Vereinsmitglieder Übungsabende und zwar für Frauen wie auch für Männer durch und hielt gut besuchte Vorträge über Krankenbehandlung, Krankenkassenwesen, Lungenschwindsucht, Ausführung ärztlicher Verordnungen und Diphtherie. Auch für die Hausarztkasse, die Magdeburger Beamten-Vereinigung und für andere Vereine in Magdeburg-Buckau und Magdeburg-Wilhelmstadt führte er Vorträge durch. In einem Vortrag sprach er auch über die Folgen des Alkoholismus und riet den zahlreichen Zuhörern zu unbedingter Enthaltsamkeit von allen spirituösen Getränken. Andere Vorträge hielt er über gesunde Ernährung, Influenza und allgemeines Gesundheitsregeln. Der Magdeburger Generalanzeiger bescheinigte ihm, ein „beliebter Redner“ und ein „ausgezeichneter Gesundheitslehrer“ zu sein.

Im Winter 1895/1896 wurde Hirschfeld in einen Kunstfehlerprozess verwickelt, in dem er aber auf ganzer Linie freigesprochen wurde. Nicht belegt ist hingegen, dass ein Offizier, der sich in Magdeburg in Hirschfelds Behandlung befand wegen seiner Homosexualität Selbstmord beging und dass dieses Ereignis der Ausgangspunkt für Hirschfelds Engagement als Begründer der deutschen Homosexuellenbewegung gewesen ist. Sicher ist, dass der in Magdeburg sehr erfolgreiche Naturheilkundearzt aus nicht bekannten Gründen im April 1896 die Stadt verließ und in Berlin-Charlottenburg seine Praxis eröffnete. Im Gepäck hatte er seine bahnbrechende sexualwissenschaftliche Schrift „Sappho und Sokrates oder wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts“, in der er seine Lehre von den sexuellen Zwischenstufen entwickelte. Diese erschien unter einem Pseudonym 1896 im Verlag von Max Spohr in Leipzig. Über Jahrzehnte war Hirschfelds Wirken in Magdeburg fast vollständig vergessen. Nur wenige wussten noch von seinem hiesigen Wirken. 1993 erschien in den Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft ein längerer Beitrag von Klaus-Harro Thiemann, der wieder Licht in Hirschfelds Magdeburger Zeit brachte.

Es war der LSVD Sachsen-Anhalt, der Hirschfelds Wirken hier vor Ort, 2011 bei einem Empfang im Magdeburger Rathaus anlässlich des CSD zur Sprache brachte und anregte, das Jahr 2015, in dem sich sein Todestag zum 80. Mal jährt, für ein öffentliches Gedenken zu nutzen und eine Straße nach ihm zu benennen. Der Beharrlichkeit des LSVD-Landesverbands ist es zu danken, dass dies von der Politik schließlich aufgenommen wurde. Ende 2013 wurde der Beschluss gefasst, eine Straße in einem Einfamilienhausneubaugebiet zwischen der Neuen Neustadt und der nördlich angrenzenden Curie-Siedlung in Magnus-Hirschfeld-Weg zu benennen. Der Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Burkard Lischka, der gleichzeitig auch Magdeburger Stadtrat ist, versprach anlässlich der Mitgliederversammlung des LSVD Sachsen-Anhalt 2014 in Magdeburg ein Straßenzusatzschild zu sponsern, das über sein Wirken und seine Verdienste informieren soll.

Am Samstag, dem 16.Mai 2015, ab 10:30 Uhr werden die Übergabe des Straßenzusatzschildes und die Benennung des Magnus-Hirschfeld-Wegs erfolgen. Im Anschluss daran ab 12 Uhr laden die Stadt Magdeburg und der LSVD Sachsen-Anhalt zu einer Gedenkveranstaltung zum 80. Todestag von Magnus Hirschfeld in das Gesellschaftshaus Magdeburg ein. Mit Bundesjustizminister Heiko Maas nimmt auch ein Mitglied der Bundesregierung an der Veranstaltung teil.

Samstag, 16. Mai 2015, ab 10:30 Uhr Straßenbenennung Magnus-Hirschfeld-Weg
Ort: Ende der Straße Am Polderdeich, 39124 Magdeburg

Samstag, 16. Mai 2015, 12:00 – 14:30 Uhr Gedenkveranstaltung zum 80. Todestag von Magnus-Hirschfeld anschl. Rainbowflash zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie (IDAHOT)
Ort: Gesellschaftshaus, Schönebecker Straße 129, 39104 Magdeburg

Martin Pfarr
LSVD Bundesvorstand

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