Teil I: Queerfeinliche Propaganda aus Russland — Mit traditionellen Werten gegen Gayropa
Zielgruppen, Länder, Themen
„Die Europäer können bestenfalls gemeinsame Träume haben, Albträume jedoch sind streng national.“ Dieser Satz des bulgarischen Politikwissenschaftlers Ivan Krastev beschreibt ziemlich genau, wie russische Propaganda und Desinformation funktionieren. Sie sucht sich ihre Themen nicht nach dem Zufallsprinzip. Sie sucht im In- wie im Ausland Resonanzräume: historische Verletzungen, gesellschaftliche Ängste, politische Konflikte. Dort setzt sie an – und verstärkt, was schon da ist.
Eines der Feindbilder, das der Kreml besonders konsequent dafür nutzt, sind queere Menschen als angebliche Bedrohung einer „traditionellen“ Lebensweise. 2013 verbot Russland sogenannte „homosexuelle Propaganda“, zehn Jahre später die „LSBTIQ*-Bewegung“ als „extremistische Organisation“.
Auch Begriffe wie „Gayropa“ sind mehr als bloße Beschimpfungen. Sie erzählen von einem Weltbild, in dem „der Westen“ als moralisch verfallen gilt – und Russland als sein Gegenentwurf. Wie diese Botschaft je nach Zielland angepasst wird, das zeigt ein genauer Blick auf die Funktionsweisen russischer Propaganda und Desinformation.
Generell dienen die bereits vorhandenen gesellschaftlichen Debatten in den Zielländern als Hebel, um sich einzumischen und mit den gestreuten Botschaften Misstrauen zu säen, Unmut zu erzeugen und zu versuchen, demokratische Institutionen zu untergraben. Dabei werden die Botschaften den historischen, soziologischen und politischen Ausgangslagen in den Zielländern angepasst. Nur eines ist immer gleich: Ängste werden identifiziert und mit Propaganda-Botschaften gefüttert.
Ergebnisse von Wissenschaftler*innen zeigen, wie diese Strategie auch beim Thema LSBTIQ* funktioniert. Lisa Gaufman von der Universität Groningen forscht zu russischer Desinformation und hat über viele Jahre Millionen Social-Media-Posts dazu ausgewertet, beginnend zur Zeit der Maidan-Demonstrationen von 2013. „Die russische Regierung wollte damals eine klare Linie zwischen Europa und Russland ziehen und tut dies bis heute entlang der LSBTIQ*-Community“, sagt Gaufman.
Das zeigt sich für sie exemplarisch an einem EU-feindlichen Meme. Russland erscheint darauf stark und traditionell: ein Panzer, ein Kampfflugzeug, orthodoxe Zwiebeltürme, Mutter, Vater, sechs Kinder. Die EU ist dagegen zwielichtig und düster dargestellt: zwei sich küssende Männer, Hitler, eine Regenbogenflagge, ein paar Drogen und eine Teufelsgestalt. Es sollte abschrecken und zielte auf Unterstützer*innen des Maidan, die gegen den damaligen Präsidenten Janukowitsch protestierten – und gegen seine Entscheidung, auf massiven Druck aus Moskau hin ein Assoziierungsabkommen mit der EU auszusetzen. Für Gaufman ist die EU-feindliche Botschaft deutlich: „Das soll heißen: Gender-Aktivisten sind auch Nazis.“ Angesichts der unter Hitler verübten Gräuel sind Nazis in mittel- und osteuropäischen Ländern das stärkste Symbol für eine Freund-Feind-Unterscheidung. Stellt die Propaganda Bezüge dazu her, kann sie somit Emotionen der gemeinsamen Leidensgeschichte des postsowjetischen Raums für ihre Anti-EU-Botschaften aufrufen. Das macht Memes wie diese auf vielen Ebenen anschlussfähig.
Anti-EU-Botschaften sind Anti-LSBTIQ*-Botschaften
Besonders in Ländern, die früher zur Sowjetunion gehörten und heute einen proeuropäischen Regierungskurs verfolgen, wird deutlich, wie stark die russische Propaganda Anti-EU-Botschaften mit Anti-LSBTIQ*-Botschaften verknüpft: sei es mit Hetze gegen Gay-Prides, Angstmache vor angeblichem Kindesmissbrauch durch Homosexuelle oder der Verteufelung von Vielfalt. Das gilt auch für Moldau, das nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 zum EU-Beitrittskandidaten geworden ist. „Bis dahin hatten viele Fernsehstationen einfach die Inhalte aus dem russischen Staatsfernsehen übernommen und nur um lokale News ergänzt“, erklärt der TV-Journalist Constantin Uzdriș aus der Hauptstadt Chișinău. Mit der Vollinvasion sei dies zwar weitgehend verboten worden, aber: „Damit haben sich die Sender einfach ins Internet verlagert.“ Die queerfeindlichen Botschaften des russischen Propaganda-Apparates gelangen demnach ungefiltert nach Moldau. Noch mehr treffe das auf die Region Transnistrien zu, sagt Uzdriș. Moskau unterhält direkte Verbindungen nach Transnistrien und stützt es politisch mit einem aus Sowjetzeiten übriggebliebenen Truppenkontingent. Kremlsender sind dort Teil des historisch gewachsenen Systems. Auch die orthodoxe Kirche im Land habe großen Einfluss. „Sie ist eine der wichtigsten Institutionen unserer Gesellschaft“, erklärt Uzdriș. Selbst Priester würden in ihren Sonntagsreden ungeniert von „Gayropa“ sprechen, um Angst vor der EU-Integration zu schüren – so geschehen etwa vor dem Referendum 2024. Damals stimmten die Moldauer*innen schließlich mit knapper Mehrheit dafür, den Wunsch nach einem EU-Beitritt in der Verfassung festzuschreiben.
Was sich hier zeigt: Der Boden für russische Propaganda ist in einzelnen postsowjetischen Ländern historisch wie strukturell ganz anders vorbereitet als das zum Beispiel in Westeuropa oder in den USA der Fall ist. In Belarus etwa, wo erst recht seit den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 Wohl und Wehe des autokratischen Staatenlenkers Alexander Lukaschenko von Russland abhängen und jegliche Opposition brutal unterdrückt wird, wirkt russische Propaganda sogar noch direkter und systemischer als in Ländern wie Moldau: Russische Medien sind in Belarus landesweit bis heute frei empfangbar, sprachlich zugänglich und historisch vertraut. Narrative über „traditionelle Werte“, eine Bedrohung durch den Westen oder die Delegitimierung liberaler Bewegungen werden von staatlichen Akteuren übernommen. Russische Rhetorik verschmilzt dabei mit belarussischer, offizieller Staatspropaganda. Die Wirkung ist strukturell: Sie prägt nicht nur die Medien, sondern auch Schulbücher, die politische Sprache und die Gesetzgebung. Dabei versteht sich das offizielle Belarus als Teil eines „gemeinsamen medialen Raumes“ mit Russland, der eben nicht nur ein medialer, sondern auch ein geopolitischer ist.
Das gilt auch für den Umgang mit LSBTIQ*-Personen. Ein Label als „extremistisch“, ähnlich wie in Russland, gibt es bislang zwar nicht. Doch vor zwei Jahren winkte das Kulturministerium in Belarus ein Gesetz durch, das „nicht-traditionelle Beziehungen“ mit Pornografie gleichsetzt. Wer etwa nur das Foto eines sich küssenden queeren Paares auf Social Media hochlädt, riskiert nun eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren. Seitdem hat sich die Gesetzeslage noch weiter verschärft.
In einer viereinhalbstündigen Ansprache an die Nation vom März 2023 kam Alexander Lukaschenko auf Homosexuelle zu sprechen und bezeichnete sie als „Perverse“, „als das Letzte vom Letzten“. Wer als Staatschef so spricht, und Lukaschenko tut das oft, setzt damit den queerfeindlichen Ton im Land.
Die belarussische Exil-Organisation „Journalists for tolerance“ dokumentiert Hate Speech gegenüber LSBTIQ* in belarussischen Medien. Im aktuellen Bericht für das Jahr 2025 stellt die Organisation fest, dass LSBTIQ*-Themen weitgehend tabuisiert würden. Dennoch sei der Anteil von Hate Speech in den Texten, die diese Themen streifen, um 20 Prozent gestiegen. Wenn LSBTIQ*-Personen in einem Artikel erwähnt werden, dann geschieht das demnach meist diffamierend als beiläufige Referenz in einem breiteren politischen oder kulturellen Kontext – ähnlich wie in der oben zitierten Rede Lukaschenkos. Das trage zur immer stärkeren „Entmenschlichung und Marginalisierung der Community bei“, erklärt die Organisation.
Russische Propaganda: Mehr als Social-Media, Bots und Trolle
Diese Betrachtungen zeigen auch: Es wäre ein Fehler, russische Propaganda und Desinformation nur als Social-Media-Phänomen zu betrachten – egal, in welchem Land.
Eines der eindrücklichsten Beispiele hierzulande dafür ist die im ersten Blogbeitrag erwähnte Rede Putins. Er hielt sie am 30. September 2022 im Kreml und verkündete darin die Annexion der vier ukrainischen Oblaste Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Dabei durfte er sich der weltweiten Aufmerksamkeit gewiss sein: Die Rede wurde von zahlreichen Sendern übertragen, in Deutschland etwa live bei WELT. Der WELT-Korrespondent nannte sie anschließend: „45 Minuten Hasstirade.“
Tatsächlich gilt Deutschland als eines der Hauptziele russischer Propaganda und Desinformation. Recherchen deutscher, estnischer und internationaler Medien zeigen, dass in Moskau ansässige Agenturen mit klaren Vorgaben aus dem Kreml arbeiten – mit anderen Schwerpunkten als in Ländern wie der Ukraine und Moldau. Leaks der internen Dokumente zeigen, dass unter anderem Parteien wie die AfD gestärkt und Angst-Kampagnen befeuert werden sollen. So werden die „Triggerpunkte“ (Steffen Mau) der gesellschaftlichen Debatten bedient: wahlweise die Angst vor der Zukunft, der Migration, vor wirtschaftlichem Abstieg. Aus den Leaks geht zum Beispiel auch hervor, man wolle die Zahl derjenigen erhöhen, „die nicht bereit sind, ihr eigenes Wohlergehen für einen Sieg über Russland zu opfern“. Ähnlich sehen die bedienten Themen in anderen EU-Staaten aus – immer angepasst an die landesspezifischen Debatten.
Überall präsent: die Angstmache vor hohen Gaspreisen und kalten Wohnungen, um die Sanktionspolitik der EU gegen Russland in Zweifel zu ziehen. Das schließt Anti-LSBTIQ*-Narrative für Deutschland und andere westeuropäische Staaten nicht aus, reduziert sie jedoch häufig auf die Propagierung traditioneller Werte und der Kernfamilie. Hiesige Resonanzräume sind daran anschlussfähig, etwa wenn es bei Parteien wie der AfD und der CDU/CSU um politische Kampfbegriffe wie „Gender-Ideologie“ geht.
Bei den Spezifika der russischen Propaganda sieht Gaufman trotzdem auch verbindende Linien zwischen Ost- und Westeuropa sowie den USA. Zum einen hat sie in ihren Daten universell funktionierende Propaganda-Motive identifiziert: Bei queerfeindlichen Narrativen sind das beispielsweise vermeintliche Gefahren für Kinder und Frauen.
Ebenso kann sie anhand der Daten nachvollziehen, dass die russische Propaganda Themen aus anderen Ländern auch ihrerseits übernimmt. Beispielhaft stehe dafür die „moralische Panik vor Transpersonen“. Die sei zunächst gar nicht aus Moskau, sondern von konservativen Influencern aus den USA geschürt worden. „Daran hat die russische Regierung angeknüpft.“ Tatsächlich sind in Russland im Sommer 2023 per Gesetz geschlechtsangleichende Maßnahmen verboten worden. Gaufman: „Es sind Teile der globalen Debatte, bei der sich die russische Regierung an die Seite von rechtsextremen und konservativen Gruppen stellt.“ So lässt sich nicht immer trennscharf feststellen, was zuerst da war: Henne oder Ei.
Im Ergebnis geht es der russischen Propaganda in westeuropäischen Staaten weniger um eine Kontrolle des Diskurses, als vielmehr um Destabilisierung: um das Anheizen bestehender Zweifel, um das Andocken an Unzufriedenheiten und das Wecken von Misstrauen gegenüber Medien und Institutionen. Queere Menschen und ihre Anliegen sind dabei zu einem Spielball geworden, der je nach Zielland mehr oder weniger genutzt bzw. graduell angepasst genutzt wird.
Was wir jetzt tun können
Am Ende führt alles zurück zu Politikwissenschaftler Ivan Krastev: Es sind die jeweiligen Albträume in den Zielländern, die den fruchtbaren Boden für russische Propaganda und Desinformation bilden. Nach diesen sucht der Kreml für die eigene Propaganda gezielt, hier dockt sie an – oder schreibt Vorhandenes fort.
Was tun? Viel wird über Verbote von Sendern, das Sperren von Seiten und notwendiges Factchecking diskutiert. Die Lösung liegt aber auch in uns selbst. Schließlich sind es die eigenen gesellschaftlichen Konflikte, in denen russische Propaganda auf die Bruchstellen trifft, die sie erst anschlussfähig machen. Das kommt in der gesellschaftlichen Debatte zum Umgang mit Propaganda bislang zu kurz.
Zeit, den Blick auf uns selbst zu richten, mahnt Nick Antipov, ein belarussischer LSBTIQ*-Aktivist, der seit 2020 im Exil lebt, bei einer Veranstaltung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung: Belarus sei ein Musterbeispiel für autoritäres Handeln – und damit ein role model auch für solche Strömungen im Westen. Doch Antipov ist überzeugt: „Autoritärer Populismus entsteht nicht, weil die Menschen ihn lieben, sondern weil die Demokratie ihre Bedürfnisse nicht erfüllt hat.“ Es müsse nun darum gehen, einander zuzuhören und Allianzen zu schmieden, „über bisherige Grenzen hinweg“.
Der Kreml versteht es nur zu gut, Europas Albträume zu finden und zu verstärken. Er erfindet sie aber nicht.
Mandy Ganske-Zapf*, Tamina Kutscher**
*Mandy Ganske-Zapf arbeitet als freie Journalistin zu Osteuropa und speziell zu Russland. Sie beschäftigt sich vor allem mit Politik, Medien(un)freiheit und Gesellschaft. Ihre Beiträge sind bisher u.a. erschienen bei Frankfurter Rundschau, Magdeburger Volksstimme, Publik-Forum, beim MDR und bei dekoder.org, mgzapf.de.
**Tamina Kutscher ist freie Journalistin, Dozentin und Moderatorin. Von 2016 bis 2023 war die studierte Slawistin Gründungs-Chefredakteurin der Medien- und Wissenschaftsplattform „dekoder – Russland und Belarus entschlüsseln“ (Grimme Online Award 2016 & 2021). tamina-kutscher.de.
Anfang 2024 haben beide das Medienbildungsprojekt #UnfollowPropaganda initiiert: Seitdem sind sie bundesweit an Schulen unterwegs, um Wissen, Fakten und Einblicke zu russischer Propaganda und Desinformation zu vermitteln – dank eines Stipendiums der Marion Dönhoff-Stiftung und in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt.
Mehr unter unfollow-propaganda.de
Lesen Sie hier den ersten Teil zum Thema: Queerfeindliche Propaganda aus Russland – mit „traditionellen Werten“ gegen „Gayropa“
Hintergrundinfos und Links:
Eine Publikation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung im Rahmen des Projekts: „Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“.
Zum Weiterlesen:
Baumann, F. (2022). Und warum „Entnazifizierung“? Wird die Ukraine von Nazis regiert?
Braden, B. (2022). So hetzten russische Talkshows im Auftrag des Kreml [Interview mit Tamina Kutscher].
Fuhrmann, L. (2023): Propaganda auf TikTok. „Deutsche“ Inhalte produziert von russischen Staatsmedien.
Ganske-Zapf, M., & Kutscher, T. (2024). Täglich grüßt die „Zombiekiste“ – Die Propaganda des russischen Staatsfernsehens, in: Löffelholz, Martin; Schleicher, Kathrin; Trippe, Christian F.: Krieg der Narrative. Russland, die Ukraine und der Westen. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 47–62.
Ganske-Zapf, M. (2018). Internet in Russland: Wie Aktivisten gegen Sperren und Zensur kämpfen.
Ganske-Zapf, M. (2021). Russisches Magazin vor dem Kadi.
IWMVienna (2017, 23. Juni). Ivan Krastev, Peter Pomerantsev: Truth in Times of War – and the New War on Truth [Video].
Kaltseis, M. (2022). TV-Talkshows als Propagandainstrument Russlands im Ukrainekonflikt (2014). Berlin: De Gruyter.
Kutscher, T. (2023). Die russische Medienlandschaft. Propaganda und Exil.
Pomerantsev, P., & Weiss, M. (2014). The Menace of Unreality. How the Kremlin weaponizes Information, Culture and Money, A Special Report by The Interpreter, a project of the Institute of Modern Russia. New York: Institute of Modern Russia.
Pomerantsev, P. (2015). Nichts ist wahr und alles ist möglich. Abenteuer in Putins Russland. München: DVA.
Schnack, T., & Weber, C. (2022). Kriegspropaganda im russischen TV. Putins Fernsehsoldaten. Die Publizistin Tamina Kutscher über den Propagandafeldzug des Kreml.




