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Internationale Zusammenarbeit und die Menschenrechte marginalisierter Gruppen — Grußwort von Lars Castellucci, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung

Keynote Graeme Reid (English)/ (Deutsch)
Konferenzbericht/ Conference Report
Fotos der Konferenz / Photos
Invite/ Einladung

Lars Castellucci, Foto: Claudia Reinhardt

Grußwort von Lars Castellucci, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe mit dem Titel: “Internationale Zusammenarbeit und die Menschenrechte marginalisierter Gruppen”. Gehalten bei der Konferenz „Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus“ der Hirschfeld-Eddy-Stiftung am 22. September 2026 in Berlin. 

Lieber Herr Jetz, liebe Frau Kohrt, liebe Gäste,

Hape Kerkeling, der berühmte deutsche Komiker, Entertainer und Buchautor, war Anfang September bei der Klausur der SPD-Bundestagsfraktion. Er hat eine Rede gehalten und darin die Geschichte erzählt, wie es zu seinem Outing kam. Diejenigen, die das in Deutschland verfolgt oder mitbekommen haben, werden die Geschichte kennen. Aber ich trage diesen Teil trotzdem vor, weil wir heute auch andere Gäste haben.

Hape Kerkeling erzählte: „Am Vorabend meines 27. Geburtstags rief mich ein Filmemacher an und fragte, ob ich schwul sei und ob ich es publik machen wolle. Ich sagte ihm: Das veröffentliche ich, wenn ich es für richtig halte. Am Abend danach rief eine Freundin an und sagte: Schalt sofort den Fernseher an. Es geht dir an den Kragen. Er hatte es getan. Live vor Millionen Zuschauern im Fernsehen, ohne mein Einverständnis. Die Bild-Zeitung titelte tags darauf: ‚Hape Kerkeling zum Geständnis gezwungen: Ja, ich bin schwul.‘ Geständnis – als hätte ich eine Bank ausgeraubt.“

„Und wissen Sie, was das Erschreckende an der Geschichte ist?“, fährt Kerkeling fort. „Die Menschen reagierten hinterher, wie man mir überall bestätigte, irre normal. Niemand hat mich auf offener Straße beschimpft. Man hat mich weiter für Shows gebucht, weiter gemocht, weiter eingeladen.

Klingt gut. Ist es aber nicht. Denn was ich da erlebte, war zwar keine offene Ablehnung. Es war eine besondere Form der Duldung. Man fand mich weiterhin lustig, solange ich das, was mich ausmacht, gefälligst für mich behielt. Das nennt man nicht Toleranz. Das ist ein Waffenstillstand auf Zeit. Und unterschrieben hatte ich ihn nicht, sondern eine Gesellschaft, die mich dazu nicht gefragt hatte.“

Und dann hat Hape Kerkeling beantwortet, warum er uns diese 35 Jahre alte Geschichte noch einmal erzählt hat. Er sagt: „Ich erzähle sie Ihnen, weil sie exakt die Mechanik zeigt, um die es heute in diesem Land wieder geht. Erst wird ein Mensch zur Ausnahme erklärt, dann zur Belastung, dann zur Gefahr.“

Und ich kann heute hinzufügen: natürlich nicht nur in unserem Land. Wir erleben weltweit Rückschritte bei der Gleichstellung und insbesondere, oder häufig zuerst, bei queeren Personen. Wir sehen, wie ihre Menschenrechte systematisch infrage gestellt und aktiv bekämpft werden. Gewalt, Bedrohung und Diskriminierung sind an der Tagesordnung.

Deshalb bin ich heute hier, um meine Solidarität auszudrücken und damit wir uns gemeinsam versprechen, dass wir diese Entwicklung zurückdrängen werden.

Lars Castellucci, Foto: Claudia Reinhardt

Das mache ich natürlich nicht nur heute, sondern wann immer ich das kann. Zuletzt haben wir, als die Nachrichten aus der Türkei kamen, mit Menschenrechtsbeauftragten verschiedener Länder ein gemeinsames Statement verfasst.

Wenn ich sage, wir müssen diese Entwicklung zurückdrängen, wir müssen sagen “Bis hierhin und nicht weiter!“, dann reicht es natürlich nicht, immer dann ein Statement zu veröffentlichen, wenn etwas passiert. Zumal wir gar nicht immer alles auf dem Schirm haben können.

Wir müssen uns den Raum zurückerobern. Wie kann das gelingen? Darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken.

Aus meiner Sicht braucht es dafür ein großes Bündnis. Und ich als Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung kann Ihnen hier bei der menschenrechtspolitischen Stiftung des LSVD+ sagen: Es gibt diese Allianz. Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat sie ins Leben gerufen: die Globale Allianz für Menschenrechte.

Diese Allianz ist gut. Denn wir sehen, dass die Angriffe kein isoliertes Phänomen sind.

Wie beginnt es denn? Manchmal beginnt es mit dem Thema Abtreibung. Dann kommt langsam Gender dazu, dann Sexualität. Aber was eigentlich dahintersteht, ist ein Frontalangriff auf die demokratische Verfasstheit und ihren Kern: dass die Würde jedes Menschen gleich ist, egal woher er kommt, egal welche sexuelle Orientierung er hat.

Diesen Angriff müssen wir zurückweisen.

Deswegen ist diese Globale Allianz so wichtig. Deswegen möchte ich Sie zur Mitgestaltung einladen.

Wenn wir beispielsweise in zwei Jahren, im Jahr 2028, 80 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte feiern: Wie können wir es auch in Deutschland schaffen, als ein deutsches Netzwerk dieser Globalen Allianz möglichst viel in Bewegung zu setzen? Wie können wir das Kalenderjahr 2028 zu einem Jahr der Menschenrechte machen? Zu einem Jahr, in dem die Nachrichten über die Menschen und ihre Rechte im Zentrum stehen und nicht nur noch die Nachrichten über die Autoritären dominieren, wie wir das heute erleben.

Wie kann das gelingen? Natürlich indem viele mitmachen.

In der Anmoderation ist auch von Teilhabe und dem „Wir“ gesprochen worden. Was bedeutet das, wenn es um ein solches Bündnis geht?

Wenn es um Verletzungen geht, wenn es darum geht, sich selbst zu definieren und auf dem zu bestehen, was einen ausmacht, dann hat man zunächst gar keine andere Wahl, als sich mit denen zusammenzutun, die in der gleichen Erfahrungswelt leben.

Aber wir dürfen dabei nicht stehen bleiben.

Wir müssen dieses Bündnis wirklich schaffen. Die Menschenrechte sind immer die Menschenrechte der anderen. Wir müssen sie uns gegenseitig gönnen.

Was macht der Staat? Er sorgt für die Kodifizierung, macht Gesetze aus dem, was sich irgendwann gesellschaftlich durchgesetzt hat, und kann kontrollieren, dass diese Gesetze eingehalten werden. Was der Staat in Form einer Position, wie ich sie innehabe, auch tun kann, ist, die Stimme für diese Rechte zu erhebe.

Aber grundsätzlich ist es ein Recht von Mensch zu Mensch, das wir uns gegenseitig zugestehen müssen.

Lars Castellucci, Foto: Claudia Reinhardt

Mein Staatsrechtslehrer Görg Haverkate an der Universität Heidelberg hat ein Lehrbuch über unsere Verfassung geschrieben. Er hat unsere Verfassung als Gegenseitigkeitsordnung beschrieben. Er wollte damit deutlich machen: Es ist wunderbar, was dort alles aufgeschrieben ist. Und wir müssen den Vätern und den wenigen Müttern dankbar sein, die damals an unserem Grundgesetz mitgewirkt haben, damit die nächsten Generationen darauf ein besseres Land aufbauen können.

Aber es lebt nicht von Staats wegen. Es lebt nur, wenn wir es selbst in die Hand nehmen, von Mensch zu Mensch, und uns gegenseitig die Rechte zugestehen, die darin stehen.

Wenn Religionsfreiheit nicht nur die Freiheit der Religion ist, der man selbst angehört, und vielleicht noch die der anderen, solange sie sich anständig benehmen. Wenn das Versammlungsrecht auch das Recht von Leuten ist, die man für eine Zumutung hält. Dann beginnt unsere Verfassung auf Gegenseitigkeit zu beruhen, weil wir uns gegenseitig den Raum zugestehen, den unsere Verfassung bietet.

Lassen Sie mich die Frage von queeren Personen noch einmal über einen kleinen Umweg betrachten.

Ich habe gestern ein Interview mit der verstorbenen Jazzsängerin Eartha Kitt aus dem Jahr 2008 oder 2009 gehört. Auch sie hat eine Geschichte erzählt.

Sie erzählte, wie sie 1952 in New York City in einem Café saß, in dem sie als Schwarze eigentlich „nichts zu suchen hatte“. Sie konnte sich das leisten, weil sie in Europa schon den einen oder anderen Erfolg hatte und deswegen finanziell besser dastand – etwas, das wohl niemand und sie selbst am allerwenigsten für möglich gehalten hatte.

Ein Mann sprach sie immer wieder an, um ihr zu verstehen zu geben: Sie haben hier nichts verloren.

Und Eartha Kitt erzählt in diesem Interview: „Den habe ich einfach ignoriert. Dann hat er noch einmal etwas gesagt. Und ich habe ihn weiter ignoriert. Und er hat noch einmal etwas gesagt. Und ich habe ihn weiter ignoriert.“

Aber da ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Denn dann wurde sie von der Frau, die diese Talkshow moderierte, damit konfrontiert, dass es damals auch Stimmen gab, die ihr vorwarfen: Du identifizierst dich nicht als schwarze Künstlerin. Du identifizierst dich als Mensch.

„Race“ – das muss man bis heute ankreuzen, wenn man in die Vereinigten Staaten einreist. In Deutschland ist das ein deutlich schwierigerer Begriff.

Eartha Kitt sagte: Sie glaube nicht an eine gelbe „Race“ oder eine schwarze „Race“. Sie glaube nur an eine menschliche. Und der gehöre sie an.

Dann kamen aber Menschen mit schwarzer Hautfarbe und sagten: Distanzierst du dich damit von uns? Du bist doch diejenige, die für uns kämpfen kann. Du musst dich doch zu uns bekennen, damit wir gemeinsam stark sind und mit deiner Hilfe die Angriffe zurückweisen können, die damals selbstverständlicher Teil der amerikanischen Gesellschaft waren.

Wir sind jetzt zwar mehr als 75 Jahre später. Aber die Frage besteht immer noch:

Kämpfe ich, indem ich mich zu einer Gruppe bekenne? Oder kämpfe ich für das, was auch Inhalt dieser Veranstaltung ist? Dafür, dass alle Menschen ganz selbstverständlich teilhaben, etwas haben und etwas zu sagen haben?

Und müssten wir diese Konferenz nicht, nachdem wir uns jetzt hier unter uns gut vorbereitet haben, sofort mit Frauen, mit Menschen mit Behinderungen und überhaupt mit allen fortsetzen, die mithelfen wollen? Können wir sie vielleicht sogar mit Menschen machen, die ebenfalls Teil dieser Vielfalt sind, das aber gar nicht so sehen, weil sie denken: Nein, ich bin doch „normal“. „Irre normal“, wie Hape Kerkeling gesagt hat.

Ich weiß, dass das, was ich gerade sage, vielleicht auch ein paar Zumutungen beinhaltet.

Aber wenn wir dieses Bündnis schaffen wollen, dann wünsche ich mir, dass wir im Jahr 2028 nicht nur Veranstaltungen des LSVD+ und der Hirschfeld-Eddy-Stiftung haben, bei denen es um die Rechte queerer Menschen geht – so sehr ich mir wünsche, dass es so viele wie möglich davon gibt.

Sondern dass wir Brücken bauen.

Dass wir erkennen, dass da draußen Autokraten und böswillige Menschen unterwegs sind, die sich vernetzen, Finanzmittel einsetzen und versuchen, die Errungenschaften einzureißen, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut worden sind.

Und wir werden es nicht schaffen, wenn wir vereinzelt in einzelnen Stiftungen und Gruppen dagegenhalten, die jeweils unmittelbar davon betroffen sind.

Ich will sagen: Wer die Rechte queerer Menschen angreift, greift nicht nur eine Minderheit an. Das ist richtig. Er greift die Idee an, dass Rechte für jeden Menschen gelten – unabhängig davon, ob eine Mehrheit sie gerade gutheißt.

Aber wenn dieser Satz stimmt, dann können wir ihn auch umdrehen und sagen: Wir setzen uns gemeinsam für die Rechte jedes Menschen ein. Gemeinsam sind wir stärker.

Ich glaube, so kann es gelingen, diesen Angriff zurückzuweisen. Dafür müssen wir jedenfalls alles tun, was in unserer Macht liegt.

Wir müssen mehr tun. Wir tun aber auch schon eine ganze Menge.

Aber wir dürfen eines nicht vergessen: Wenn wir erst einmal schlechte Laune bekommen, ist es ganz schwer, da wieder herauszukommen. Wir müssen also auch die Zuversicht bewahren.

Ich weiß, wie es mit der Finanzierung aussieht. Ich habe keinen Geldbeutel mitgebracht. Die Haushaltsentscheidungen werden im Deutschen Bundestag getroffen. Das steht auch bald wieder an.

Was ich Ihnen anbiete, ist Ernsthaftigkeit. Was ich Ihnen anbiete, ist Zusammenarbeit.

Lars Castellucci, Foto: Claudia Reinhardt

Und was ich Ihnen anbiete: Wenn wir jetzt international auf Partnersuche gehen, können wir eigentlich jeden gebrauchen. Es ist ziemlich viel durcheinander. Aber als Menschenrechtsbeauftragter will ich wissen: Mit wem arbeiten wir da genau zusammen?

Wie ist es in einem Land, in dem wir möglicherweise einen „Return Hub“ für Geflüchtete einrichten? Wie ist es dort um die Rechte queerer Menschen bestellt? Werden queere Menschen potenziell dorthin geschickt, obwohl sie dort vorher überhaupt nicht gelebt haben?

Wenn wir Milliarden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten bekommen, von einem Scheich, der gerade Berlin besucht hat, möchte ich natürlich zurückfragen: Ja, wir freuen uns. Wir arbeiten wirtschaftlich zusammen. Aber wir haben auch ein paar Themen, die unsere Werte betreffen.

Ich will mit Ihnen gemeinsam daran arbeiten, dass unsere Politik und unser Auftreten kohärenter werden. Das wird uns nicht perfekt gelingen. Aber nach oben ist natürlich viel Luft.

Und wir machen weiter: mit der Elisabeth-Selbert-Initiative. Wir engagieren uns weiter in der Equal Rights Coalition. Wir unterstützen das Mandat des Unabhängigen Experten für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität und vieles andere mehr.

Das tut diese Bundesregierung. Wir tun schon viel.

Aber: Wir tun nie genug bis zu dem Tag, an dem unsere Arbeit endlich überflüssig geworden ist.

Vielen Dank.

Fotos: Claudia Reinhardt

Weitere Beiträge, Artikel und Fotos zur Konferenz finden sich hier:

Konferenzbericht/ Conference Report
Einladung und Programm/ Invite and program
Fotos der Konferenz / Photos
Grußwort / Welcoming adress by Lars Castellucci
Keynote Graeme Reid (English)/ (Deutsch)

Eine Publikation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung im Rahmen des Projekts:„Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“.

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