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Menschenrechte für Lesben International: Dr. Beverley Palesa Ditsie aus Südafrika beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund + Köln

Einladung / Invitation

Beverley Palesa Ditsie,  IFFF26, Foto: ©Julia Franken / K3

Lesbians Free EveryoneThe Beijing Retrospective“ lautet der Titel des Dokumentarfilms zur Erinnerung an den menschenrechtlichen Aktivismus von Lesben während der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995. Die südafrikanische Filmemacher*in und Aktivist*in für die Menschenrechte von sexuellen Minderheiten, Dr. Beverley Palesa Ditsie, hat ihn während der COVID-Pandemie auf der Basis digitaler Interviews und Filmarchivdokumente erarbeitet und am 25. April in Köln im Rahmen des Internationalen Frauen Film Fests 2026 vorgestellt.

Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung ermöglichte im Kontext des Projektes „Der pinke Faktor — die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“, dass die renommierte Filmemacher*in persönlich anwesend war, im ausverkauftem Kinosaal mit dem begeisterten Publikum diskutieren und ihre jahrzehntelangen internationalen Erfahrungen in der Menschenrechtsarbeit für sexuelle Minderheiten teilen konnte.

Dieser Blog-Beitrag thematisiert die internationale menschenrechtliche Bedeutung der Arbeit von Dr. Beverley Palesa Ditsie. Zum Verständnis der globalen politischen Zusammenhänge skizziert er historische Hintergründe des feministischen Aktivismus von Lesben während der Weltfrauendekade (1975/ 76–1985) und im Vorfeld der 4. Weltfrauenkonferenz. Auch die Umsetzung dortiger Ziele im Rahmen von Peking+30 wird mit Bezug auf wichtige LSBTIQ*-Organisationen und Einschätzungen von Aktivist*innen wie Dr. Ditsie diskutiert. Zur Konkretisierung werden punktuelle Hinweise auf Südafrika gegeben, das hinsichtlich der Verfassungs- und Gesetzesreformen international als Vorbild gilt.

Beverley Palesa Ditsie schrieb am 13. September 1995 internationale Menschenrechtsgeschichte, als sie als erste Lesbe aus einem afrikanischen Land eine Rede zur Einbeziehung der Menschenrechte von Lesben in den Text des Abschlussdokuments einer UN-Frauenkonferenz hielt. Konkret ging es vor allem um die Integration der Formulierung „sexuelle Orientierung“ in den finalen Text der Beijing Declaration and Platform for Action. Dabei unterstrich Ditsie, Co-Gründer*in und Co-Vorsitzende der Gay and Lesbian Organisation of the Witwatersrand (GLOW), der ersten erklärt nicht-rassistischen Organisation von Lesben und Schwulen in Südafrika, und als Vertreter*in der International Gay and Lesbian Human Rights Commission (IGLHRC), dass die Rechte von Lesben Frauenrechte sind und Frauenrechte universelle, unveräußerliche und unteilbare Menschenrechte:

If the World Conference on Women is to address the concerns of all women, it must similarly recognize that discrimination based on sexual orientation is a violation of basic human rights. (…) I urge you to make this a conference for all women, regardless of their sexual orientation, and to recognize in the Platform for Action that lesbian rights are women’s rights and that women’s rights are universal, inalienable, and indivisible human rights. I urge you to remove the brackets from sexual orientation.” (Beverley Palesa Ditsie, Peking, 13.9.1995)

IFFF26, Foto: ©Julia Franken / K3

Das war ein klares politisches Statement für die Menschenrechte von Allen und gegen Diskriminierung. Dennoch ist diese Rede zwar als schriftliches Dokument, aber nicht als vollständige Filmaufnahme erhalten. Nur wenige Minuten Film existieren noch, während Konferenzreden namhafter Politikerinnen in Peking 1995 vollständig gefilmt und archiviert wurden.

Um so wichtiger ist es, an die Rede von Beverley Palesa Ditsie zu erinnern und sie davor zu bewahren, dass sie aus der Dokumentation menschenrechtlich wichtiger historischer Ereignisse ausradiert wird. Anlässlich von Peking +30 ruft der Film „Lesbians Free Everyone“ diese Rede ins öffentliche Gedächtnis, und zwar aus der politischen Haltung und Überzeugung, dass die Befreiung einer der am meisten marginalisierten gesellschaftlichen Gruppe die Befreiung aller Unterdrückten bedeutet. Diese Grundüberzeugung galt 1995 und ist bis heute bedeutend:

Beverley Palesa Ditsie, Foto: ©Beverley Palesa Ditsie

I attended the original Beijing conference in 1995. (…) Today, as we face a backlash, we must understand that ending the oppression of others is inseparable from our own quest for freedom.” (Beverley Palesa Ditsie, in: UN-Women 2025, S. 17)

Zusammenhalt und Solidarität

Zudem visualisiert der Film „Lesbians Free Everyone“ anschaulich, wie wichtig es ist, die couragierten und weltweiten Kämpfe von Lesben gegen Unrecht und für Strukturveränderungen zu dokumentieren. „Lesbians Free Everyone“ öffnete lesbischen Aktivist*innen, die während und vor der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking an programmatischen Forderungen und Formulierungen mitwirkten, im Herstellungsprozess medial gelungen virtuelle Türen zur Erinnerung. So beschritten sie im digitalen Austausch gemeinsam Erinnerungswege, zelebrierten Zusammenhalt in Solidarität, denn sie hatten — gegen alle Widerstände — 1995 erstmals auf internationaler Ebene als politische Aktivist*innen ihre starken Stimmen erhoben. Diese Gemeinschaft feiert der Film.

Jahrelange Vorarbeiten

Lesbians Free Everyone“ ist für die Menschenrechtsarbeit von sexuellen Minderheiten weltweit wichtig, denn er gibt Zeitzeug*innen das Wort, die kontextspezifisch erläutern, wie strategisch lesbische Feminist*innen aus unterschiedlichen Kontinenten umfangreiche zivilgesellschaftliche Vorarbeiten, z.B. politisches Lobbying, während früherer Weltfrauenkonferenzen und während bzw. nach der UN-Frauendekade (1975/ 76–1985) unter dem Motto „Gleichheit, Entwicklung und Frieden“ leisteten. Dazu zählen Charlotte Bunch, vom Centre for Women’s Global Leadership an der Rutgers University, Julie Dorf, Gründer*in der International Gay and Lesbian Human Rights Commission (IGLHRC, jetzt Outright), Gloria Careaga, langjährige Co-Generalsekretär*in der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA), und die peruanische lesbische Menschenrechtsaktivist*in Rebeca Sevilla; sie war Gründungsmitglied und Aktivist*in der Grupo de Autoconciencia de Lesbianas Feministas (GALF, Lesbian Feminist Group), frühere Generalsekretär*in der Organisation Movimiento Homosexual de Lima (MHOL) und offizielle ILGA-Repräsentant*in 1995 in Peking.

Bezeichnend ist, dass von allen öffentlichen Stellungnahmen dieser Aktivist*innen nur wenige Filmaufnahmen existieren, etwa von Rebeca Sevillas Rede als offizieller ILGA-Repräsentant*in während der UN-Menschenrechtskonferenz in Wien 1993. Diese Unsichtbarkeit – das Unsichtbarmachen und Vergessen — der Menschenrechtsforderungen von Lesben auf internationaler politischer Ebene prangert Ditsie an.

Überforderter Repressionsapparat

Das Unsichtbarmachen von Lesben war auch Intention der chinesischen Regierung. Dieses repressive Regime wollte mit der Ausrichtung der Weltfrauenkonferenz fünf Jahre nach dem brutalen Massaker an Protestierenden am 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen-Platz (Platz am Tor des Himmlischen Friedens — Mitte Mai 1989 hatten dort über eine Millionen Menschen friedlich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit demonstriert) sein internationales Image aufpolieren. Es war jedoch bereits mit der Präsenz und Sichtbarkeit einer kleinen sexuellen Minderheit offensichtlich überfordert. Denn kurzfristig verlagerte es das NGO-Forum und alle NGO-Veranstaltungen mit über 30.000 Teilnehmenden aus allen Kontinenten weit von der Hauptstadt entfernt nach Huairou.

The Chinese government enforced surveillance of the NGO Forum, with a government observer assigned to each panel, significant restriction on Chinese women’s attendance, and careful attention to protests. (…) This action was seen as an attempt to “prevent public debate from spilling into the muted streets of the Chinese capital”. (Oula / Nowrojee / Buvinic 2025, S. 84)

Auf dem provisorischen NGO-Gelände setzte die chinesische Regierung viele Geheimdienstmitarbeiter in ziviler Kleidung ein, die Lesben distanzlos und zum Teil aggressiv observierten und fotografierten, manche gezielt gewaltsam bedrohten. Wie vorurteilsbeladen die Regierenden und ihre Verwaltungsvertreter waren, zeigte sich daran, dass sie nackte Lesben in der Öffentlichkeit erwarteten und deshalb Taxifahrer in Huairou mit Decken und Bettüchern ausgestattet hatten, um diese zu verhüllen.

Das Geheimdienstpersonal belagerte den Informations‑, Workshop- und Versammlungsort von Lesben, das „lesbian tent“ — ein deutlich sichtbares Symbol lesbischer Präsenz auf der Konferenz. Die thailändische Aktivist*in Anjana Tang Suvarnananda, Gründerin der lesbischen Organisation Anjaree (1986) und des Asian Lesbian Network (1990), hatte vorgeschlagen, einen Treffpunkt für Lesben während des NGO-Forums einzurichten. So entstand ein provisorisches „lesbian tent“. Das chinesische Geheimdienstpersonal besprühte es täglich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln, obwohl keine Anopheles-Malariastechmücken in der Gegend verbreitet waren. Ob damit absurderweise versucht werden sollte, die Ausbreitung lesbischer Interessen auf die chinesische Gesellschaft zu verhindern, schlossen manche Teilnehmende auch im Nachhinein nicht aus, was sie im Film „Lesbians Free Everyone“ erläutern. Die chinesische Regierung habe offenbar mit den politischen Implikationen lesbischer Identität und Gleichheitsforderungen nicht umgehen können, zumal Aktivist*innen diskriminierende Ungleichheiten thematisierten.

Der Filmtitel „Lesbians Free Everyone“ bezieht sich auf einen Bannerspruch, den Aktivist*innen für eine Demonstration auf dem Gelände des NGO-Forums erfanden. Mit ihrem Verständnis von Befreiung stellten Lesben den Status quo und die Reduzierung von Frauen und weiblicher Sexualität auf Reproduktion grundlegend in Frage, so wirkte bereits das Wort Lesbe für die chinesischen Autokraten offenbar bedrohlich.

Wie sehr das diktatorische Regime in Peking auf Repression setzte, womit 1995 vor allem Lesben konfrontiert waren, zeigte sich ab 2020 im Umgang mit dem COVID-19 Virus. Denn dessen ungezügelte und tödliche Ausbreitung versuchte die chinesische Regierung lange zu vertuschen, während die gravierenden Folgen der COVID-19 Pandemie sexuelle Minderheiten weltweit besonders hart trafen. Einige Aktivist*innen skandalisieren in „Lesbians Free Everyone“ diese geopolitische Misere; sie ließen sich bereits 1995 von den rabiaten und bedrohlichen chinesischen Geheimdienstvertretern nicht einschüchtern.

Gemeinsam formulierten sie eine Rede, die Beverley Palesa Ditsie am 13. September 1995 während der offiziellen Abschlußsitzung vortrug. In Reaktion darauf warfen etliche Delegierte – vor allem männliche Regierungsvertreter aus autoritären Staaten — der Rednerin vor, bezahlte Lobbyistin westlicher Regierungen und unafrikanisch zu sein. Unterstützung kam von der südafrikanischen Parlamentspräsidentin und auf internationalen Konferenzen erfahrene Juristin Dr. Frene Ginwala. Südafrika und über dreißig weitere Länder darunter Chile, Kuba und Slowenien, traten für die Einbeziehung der Formulierung zur sexuellen Orientierung in die Abschlusserklärung von Peking ein – leider erfolglos, aber doch ein Fortschritt, denn bei der 3. Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi hatten sich allein die Niederlande für die Menschenrechte von Lesben eingesetzt.

Beverley Palesa Ditsie, ©Beverley Palesa Ditsie

While standing on the podium at the United Nations advocating for the inclusion of sexual orientation in the Beijing Platform for Action, I told my story of what it meant for me and those like me to face discrimination on the basis of my gender and my sexual orientation in Apartheid South Africa. Although the word ‘Sexual Orientation’ was not adopted, language around sexuality and sexual autonomy of women was included in Paragraph 96.” Beverley Palesa Ditsie, Expert Group Meeting, CSW 69, Okt. 2024

Südafrika – Leuchtturm für queere Menschenrechte am Kap der guten Hoffnung

In Südafrika wurde der Film „Lesbians Free Everyone“ wertschätzend rezipiert. Südafrikas neue Verfassung von 1996 – also vor 30 Jahren verabschiedet — enthält den Schutz vor Diskriminierung u.a. auf der Basis sexueller Orientierung. Dafür hatte sich die National Coalition for Gay and Lesbian Equality (NCGLE) über Jahre eingesetzt, sie hatten mit homophoben Vorurteilen und Anfeindungen auch im African National Congress (ANC) zu kämpfen, u.a. durch Ruth Mompati, die prominente ANC-Frauenligaleiterin. NCGLE einte über siebzig Gruppierungen, dazu zählten die Organisation of Lesbian and Gay Activists (OLGA) in Kapstadt und GLOW in Johannesburg, die sich als nicht-rassistisch und nicht-sexistisch verstanden. Zu den Gründer*innen und Vorstandmitgliedern von GLOW gehörten Beverley Palesa Ditsie und Simon Nkoli. Sie organisierten am 13. Oktober 1990 die erste Pride in Südafrika; es war die erste auf dem afrikanischen Kontinent. Pride und Protest gegen Unrecht gehörten damals zusammen:

First gay liberation march in Africa led by Beverly Palesa Ditsie, Dr. Hendrik Pretorius, Justice Edwin Cameron and Simon Nkoli, October 13, 1990.
©Braxtonuniversity. The Braxton University [2], Hemdrik pretorius first gay march in africa 1990, CC BY-SA 3.0

We understood that Pride was a political act, an act of protest at these injustices as well as a celebration of our existence. We were no longer begging for our freedom. We were taking it.” (Beverley Palesa Ditsie, in: Our Constitution, 1990; ihre Rede während dieser Pride wurde im südafrikanischen Fernsehen übertragen, danach wurde sie bedroht).

The first Pride March in Johannesburg was conceived after the realisation that we needed to reclaim our truth and demand our rights to be treated with humanity. We were visible, we were loud, we were fearless at a time when we should have been most afraid. But we believed in the power of solidarity and collective resistance. At that Pride March in 1990, my mentor, friend, and comrade Simon Nkoli said: “I am Black, I am gay, I cannot separate myself into secondary or primary struggle…” This was our introduction to intersectionality.” (Beverley Ditsie, in: Global Citizen, 30.6.2021)

Simon Nkoli, Beverley Palesa Ditsie, ©Beverley Palesa Ditsie

Simon Nkoli 1990: “I am Black, I am gay, I cannot separate myself into secondary or primary struggle…”

Nkoli stellte während dieser ersten Pride klar, dass für ihn Kämpfe gegen die Apartheid und für Homosexuellenrechte untrennbar verwoben waren:„I cannot be free as a black man, if I am not free as a gay man.” Beverley Palesa Ditsie würdigt den couragierten Aktivisten, der vom Apartheidregime wegen Hochverrat angeklagt worden war und jahrelang inhaftiert wurde, mit dem Dokumentarfilm: „Simon and I“. Auf Hochverrat stand die Todesstrafe, die der Apartheidstaat auch häufig vollstreckte.

Das südafrikanische Apartheidsregime: ein Polizeistaat mit homophober und rassistischer Kolonialgesetzgebung

Es war ein Unrechts- und Polizeistaat, der auf Militarismus basierte – ausgestattet mit Rüstungsgütern aus der Bonner Bundesrepublik, womit gegen UN-Sanktionen verstoßen wurde. Wiederholt herrschte der Ausnahmezustand, etwa 1985 und 1986–1990. Homosexualität war verboten auf der Basis des Immorality Act (Sexual Offences Act) von 1957 mit Amendments im Jahr 1969, dem der Immorality Act von 1927 vorausgegangen war. Dieser baute auf das koloniale Roman Dutch Law der Dutch East Indian Company (VOC) ab 1652 und das Common Law während der britischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert auf.

Nach der Gründung der Union of South Africa 1910 und der Etablierung der Apartheid als Staatsordnung 1948 griff der Staat mit zahlreichen rassistischen Gesetzen, wie dem Prohibition of Mixed Marriages Act of 1949 in das Privatleben, in Ehen und Familien ein.

Race, class und gender-Hierarchien strukturierten das private und öffentliche Leben und prägten multiple patriarchale Muster. Schwarze Frauen galten bis 1994 als rechtlich unmündig, waren also ihren Ehemännern, Vätern oder Brüdern unterstellt. Folglich mußte die Regierung Nelson Mandelas ab 1994 umfassende Rechtsreformen erreichen. Dieser politische Wille zur Veränderung prägte die südafrikanische Innen- und Außenpolitik in den 1990er Jahren; er schuf den Rahmen für Südafrikas Positionierung im Kontext der Weltfrauenkonferenz in Peking und deren follow-up.

Ditsies Film über die African Commission on Human and Peoples´ Rights: “The Commission”

Die südafrikanische Regierung wurde von der Coalition of African Lesbians (CAL) nach der Amtszeit Nelson Mandelas unter Druck gesetzt, sich auf internationaler Ebene stärker für die Menschenrechte von sexuellen Minderheiten einzusetzen. CAL hatte ihre Zentrale in Johannesburg, ihr Mashakane Projekt wurde über acht Jahre vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert, Projektpartner*in auf deutscher Seite waren der LSVD e.V. und filia die frauenstiftung. 2015 erreichte CAL, einen Beobachterstatus in der African Commission on Human and Peoples’ Rights zu erhalten. Die erfolgreiche Lobbyarbeit von CAL dokumentiert Beverley Ditsies FilmThe Commission – From Silence to Resistance“; allerdings entzog die Afrikanische Kommission der Menschen- und Völkerrechte im August 2018 diesen Beobachterstatus wieder.

Um so wichtiger ist die Vorbildfunktion Südafrikas. Das betrifft nicht nur das legale System, also Gesetzesreformen und deren Umsetzung, sondern auch die Personalpolitik der südafrikanischen Regierung: Seit 2024 ist die lesbische Aktivist*in und Menschenrechtsverteidiger*in Mmapaseka Steve Letsike stellvertretende Ministerin für Frauen, Jugend und Menschen mit Behinderungen. Sie vertritt die Interessen sexueller Minderheiten national und international, etwa in einer programmatischen Eröffnungsrede anläßlich der ILGA World-Konferenz in Kapstadt im November 2024, im Dezember 2024 als südafrikanische Delegationsleiterin zur Mitwirkung an der Equal Rights Coalition — Konferenz in Berlin oder Ende April 2026 in der kanadischen Hauptstadt Ottawa, und knüpft dabei viele Kontakte zur Zivilgesellschaft.

Im Peking +20 Bericht der südafrikanischen Regierung (2014) wird Hassgewalt gegen Lesben ausdrücklich verurteilt und die Bedeutung des Schutzes vor Diskriminierung in der Verfassung unterstrichen. Die ANC-Regierung baut auf Gesetzesreformen und erwähnt eine Arbeitsgruppe zu deren Implementierung; sie hebt die Bedeutung des Civil Union Acts no. 17 von 2006 hervor – des ersten Gesetzes in Afrika und des fünften weltweit, das gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Sie spricht sich ausdrücklich gegen moralisierende Anfeindungen von Lesben aus und gegen die Behauptung, sexuelle Minderheiten seien unafrikanisch.

Ditsie kritisiert Mehrfachdiskriminierungen und wirtschaftliche Benachteiligung

Der Peking +30 Bericht der südafrikanischen Regierung (2024), der zusätzlich zu Lesben auch weitere sexuelle Minderheiten und das Acronym LGBTIQA+ nennt, erwähnt, dass homophobe Hassgewalt weiterhin ein Problem ist. Die Regierung unter Präsident Cyril Ramaphosa versucht, mit Trainings zum Einstellungswandel und zu Anti-Gewaltschulungen dagegen vorzugehen, beispielsweise in der Provinz Gauteng. Dort werden zudem Bildungsprogramme für junge, verarmte LSBTIQ*Menschen angeboten, die auch psychosoziale Beratungen erhalten.

Beverley Palesa Ditsie geht es nicht um Einzelmaßnahmen, sie kritisiert weiterhin die Mehrfachdiskriminierungen sexueller Minderheiten, u.a. ihre verbreitete ökonomische Marginalisierung, und systematische patriarchale Ungleichheiten. Zukunftsorientiert hofft sie auf Generationendialoge und den Veränderungswillen der Jugend:

I love the way young people think. When I am 90, I want to be that woman, taking part in intergenerational discussions about how we fix this. That’s the thing that brings me hope.” (Beverley Ditsie, HRW Witness Interview 2.9.2020)

Zukunftsperspektiven und Handlungsstrategien trotz globalem Backlash

Seit einigen Jahren eskalieren aggressive Angriffe auf Menschenrechte von sexuellen Minderheiten – teils raffiniert getarnt als institutionelle Reformen zur Rettung von öffentlicher Ordnung, Moral und Familien — durch homophobe Politiker in einigen afrikanischen Staaten und weltweit; forciert werden sie durch fundamentalistische religiöse Fanatiker und deren finanzstarke Netzwerke, die sogar auf das Aushöhlen des UN-Menschenrechtssystems abzielen. Diese Strategien, die sich keineswegs nur gegen eine bereits marginalisierte Gruppe richten, sondern Testfälle für den Demokratieabbau insgesamt sind, führen zur verstärkten Gefährdung von LSBTIQ*Menschen.

Dr. Beverley Palesa Ditsie fordert in ihrer UN-Stellungnahme als Expert*in zur Vorbereitung von Peking +30 und CSW 69 klare und umfassende Gegenstrategien:

Recognise, strategise and counter the Anti Gender movement and conservative right-wing agents at the forefront of the reversal of the gains made after Beijing. These agents have infiltrated every sector of society and governments, spending millions annually to utilise all the tools at their disposal, especially media, to undo the progress made by feminist and LGBTIQA+ movements. Feminist movements need the same efforts, funding and strategies to fight back the tide.”
Beverley Palesa Ditsie, Expert Group Meeting, CSW 69, Okt. 2024

Narrative Justice“ (Ditsie): Narrative in die eigene Hand nehmen

Und mit Bezug auf die Abschlusserklärung und Aktionsplattform von Peking 1995 erklärt sie programmatisch, wie wichtig es ist, Medien strategisch zu nutzen, um Narrative zu ändern, eigene Geschichten zu erzählen und Machtstrukturen und Normen zu kritisieren:

The Beijing Declaration and Platform for Action adopted by 189 countries in 1995 declared the media one of 12 critical areas of concern for the advancement and empowerment of women. The Platform for Action calls for commitment to end sexism and sexist stereotyping in and through the media. (…) Our portrayals and the stories we tell help us see ourselves, and each other, in a different way. With our stories, we are able to build bridges, challenge the status quo, the existing power structures and shift social norms.” Beverley Palesa Ditsie, Expert Group Meeting, CSW 69, Okt. 2024

Im Kontext von Peking +30 und CSW 69 wurde Ditsie nicht nur als Expert*in von der UN sondern auch von Outright International zu einer Einschätzung gefragt. Ditsie riet, gemeinsam über neue Strategien nachzudenken, zusammen zu kämpfen und vor allem keine Spaltungen der Bewegung zuzulassen:

Transparent Lesbians free everyone, Foto: ©Beverley Ditsie

It’s a time that allows us to reimagine newer and different ways of organizing. 30 years ago I came back from Beijing conference inspired and invigorated looking forward to seeing things change policies implemented and a shift towards a more inclusive and progressive human society. In Beijing I learned the meaning of community and solidarity. I saw how silos were broken down with the understanding of the interconnectedness of our struggles.” (Beverley Palesa Ditsie, Erläuterung für Outright International, 18.3.2025)

Anläßlich Peking +30 und CSW 69 organisierte auch die feministische Organisation Just Associates einen digitalen Dialog zwischen Aktivist*innen, federführend für das südliche Afrika war die dortige Co-Direktor*in Phumi Mtetwa, eine Anti-Apartheidkämpfer*in, u.a. Mitbegründer*in von GLOW und NCGLE, frühere Manager*in des AIDS Law Projects und mehrjährige ILGA Co-Vorsitzende. Im programmatischen Austausch über politische Strategien, Vernetzungen zwischen verschiedenen Bewegungen und Medienarbeit gegen Desinformation bekräftigte Ditsie die Wichtigkeit der Deutungshoheit in der öffentlichen Kommunikation über LSBTIQ*. Sie forderte die Bereitschaft junger Aktivist*innen, von Älteren und deren Erfahrungswissen in feministischen Bewegungen zu lernen und sich auch kommunikativ für Einstellungsänderungen einzusetzen – all das unter dem Schirm solidarischer Zusammenarbeit.

Auch während der Gespräche im Rahmen ihrer Filmvorführung beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln am 25. April 2026 in Köln betonte Ditsie den zentralen Stellenwert von Zusammenhalt und kollektiver Standhaftigkeit gegen Spaltungen durch patriarchale Machtgruppen. Denn diese agitieren – oft mit Falschmeldungen und perfiden Uminterpretationen von Begriffen — nicht nur gegen Lesben oder Trans*Personen, vielmehr wollen sie Demokratie insgesamt abbauen.

Beverley Palesa Ditsie, Fotos: ©Beverley Palesa Ditsie

Schon zuvor hat Ditsie die große Bedeutung von Solidarität und Zusammenhalt für gemeinsamen Widerstand und Wandel unterstrichen:

For me, community is what gives value to our lives. This is why I’m still alive, after so many attempts to have me killed. (…) We need to go back to real community engagement that sees us as people. We need to take back our lives by engaging our families and educating our communities. There are many more human beings than there are homophobes. So the more our families, friends, allies, and communities speak out against this scourge, the more the evil is isolated and shamed. So please speak up.“ (Beverley Ditsie, in: Global Citizen, 30.6.2021)

Dr. Rita Schäfer, forscht und schreibt über Gender in afrikanischen (Post-)Konfliktgesellschaften, vor allem in Südafrika und Simbabwe.

https://www.gender-blog.de/beitrag/weltfrauenkonferenz-peking-30-jahre
https://blog.lsvd.de/ilga-weltkonferenz-2024-postkoloniale-humanitaere-krisen-und-lsbtiq-menschenrechte/
https://blog.lsvd.de/instrumentalisierung-von-lsbtiq-in-konflikten-ueber-menschenrechte-politische-macht-und-herrschaft-beispiele-aus-afrika/

Literaturhinweise:

Ara Wilson: Lesbian visibiliy and sexual rights at Beijing. In: Signs, Journal of Women in Culture and Society, vol. 22, no. 1, 1996, S. 214–218.

Beverley Ditsie: This Revolution Must Be Televised: Utilizing Media to Resist the Deliberate Symbolic Annihilation of Feminist and Queer Narratives That Challenge Dominant Discourses, Expert paper prepared by: Beverley Palesa Ditsie∗ LGBTIQA+ activist. Expert Group Meeting, Sixty-ninth session of the Commission on the Status of Women (CSW 69): ‘Beijing +30: Emerging issues and future directions for gender equality and women’s rights’, Virtual, 13–15 August 2024, EGM/B30/2024/EP.6 October 2024.

Beverley Ditsie: I helped found Africa’s first LGBTQ+ Pride March. 30 years later, I am still fighting for our lives, in: Global Citizen, 30.6. 2021.

Charlotte Bunch and Claudia Hinojosa: Lesbian travel the roads of feminism globally. Rutgers University Press, New Brunswick, 2000.

Cynthia Rothschild: Written out, How sexuality is used to attack women’s organizing, ed. with contributions by Scott Long and Susana T. Fried, a revised publication of the IGLHRC and the CWGL, New York/New Brunswick 2005.

Jacklyn Cock: Engendering Gay and Lesbian Rights. The Equality Clause in the South African Constitution. In: Women’s Studies International Forum, vol. 26, no. 1, 2023, S. 35–45.

Julie Dorf and Gloria Careaga Pérez: Discrimination and the tolerance of difference. International lesbian human rights. In: Julie S. Peters / Andrea Wolper (eds.): Women’s human rights, human rights: International feminist perspectives, Routledge, London 1995, S. 324–333.

Lwando Majikijela: Black lesbian vulnerabilities and resistance in Beverley Palesa Ditsie’s Simon & I and Muholi’s visual storytelling. In: Popular Communication, 2026, S. 1–13.

Neville Hoad, Karen Martin and Graeme Reid (eds.): Sex and politics in South Africa. Double Storey Books, Cape Town 2005.

Niamh Reilly et al.: Testimonies of the Global Tribunal on violations of Women’s Human Rights at the United Nations World Conference on Human Rights, Vienna, 1993, Centre for Women’s Global Leadership, Rutgers University, New Brunswick, 1994.

Outright International: Queering democracy — the global elections in 2024 and how LGBTIQ people fared. Outright International, New York 2025.

Rachel E. Rosenbloom and Charlotte Bunch et al.: Unspoken rules: Sexual orientation and women’s human rights. IGLHRC, New York/London 1995/1996.

South African Government: South Africa’s Beijing +20 report. Progress made on the implementation of the Beijing Declaration and Platform of Action and the outcomes document of the 23RD special session of the General Assembly in 2000, Pretoria 2014.

South African Government: South Africa’s Report on the progress made on the implementation of the B+30 Platform for Action (2019−2024), Pretoria 2024.

Stephanie Oula, Sia Nowrojee, and Mayra Buvinic: The United Nations and the global Women’s Movement. Learning from the past, looking to the future. United Nations Foundation, New York 2025.

UN-Women (United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women): Women’s Rights in Review 30 Years After Beijing. New York 2025.

Weitere Hinweise auf südafrikanische lesbische/queere Widerstands-/künstlerische Ausdrucksformen:

Artikel im Rahmen des Projekts:Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft

BMJV
Internationales Frauen Filmfestival Dortmund Köln
HES



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