Teil II: Anti-Queere Propaganda nach Maß — der Kreml und die Albträume Europas
Russland inszeniert sich als Hüter „traditioneller Werte“ und stilisiert den Westen zum dekadenten Feindbild. Queerfeindliche Narrative sind dabei kein Nebenschauplatz, sondern strategisches Instrument: Sie dienen der innenpolitischen Mobilisierung und werden gezielt in die EU exportiert, um Gesellschaften zu polarisieren, Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben und politische Entscheidungsprozesse – etwa im Kontext des Kriegs gegen die Ukraine – zu lähmen.
Propaganda ist der systematische Versuch, Menschen mit ausgewählten Botschaften von einer politischen Weltanschauung zu überzeugen. In seiner Propaganda inszeniert der Kreml Russland als Friedensstifter, Weltverbesser, Beschützer oder Anwalt der Schwachen.
Desinformation ist ein Instrument dieser Propaganda – oder wird im In- wie Ausland als Stör-Aktion eingesetzt. Dieser Beitrag konzentriert sich dabei vor allem auf die gezielte Verbreitung gefälschter oder irreführender Botschaften in Ländern außerhalb Russlands. Das strategische Ziel des Kreml besteht dabei nicht allein darin, Gesellschaften damit zu irritieren, sondern sie nachhaltig zu verunsichern und im besten Fall zu spalten.
Auch in der EU zielen russische Propaganda und Desinformation darauf, politische Lager zu verhärten, Debatten zu vergiften, aber auch Vertrauen in demokratische Institutionen im Allgemeinen zu untergraben. Schon die Polarisierung selbst ist aus Sicht des Kremls ein Erfolg, noch mehr, wenn sie politische Entscheidungsprozesse lähmt, aktuell allen voran in der militärischen Unterstützung für die Ukraine.
Der Westen als „Gayropa“ und Russland als Retter
Besonders wirksam ist diese Strategie, wenn sie klare Feindbilder entwirft – an deren Abarbeitung die eigene Identität geschärft wird. Eines dieser Feindbilder sind LSBTIQ*-Personen, die seit einem „conservative turn“ in der russischen Politik seit 2012 systematisch als Bedrohung dargestellt werden: eine Bedrohung für „die traditionelle russische Familie“, für die Gesellschaft und deren Erhalt. Der russischen Propaganda dienen LSBTIQ*-Personen dabei vornehmlich als Projektionsfläche für die Erzählung vom angeblichen „Werteverfall des Westens“. Dieser Verfall – so die Botschaft – werde nicht nur hingenommen, sondern von den politischen Eliten des „kollektiven Westens“ aktiv vorangetrieben.
Diese Motive werden spätestens seit Wladimir Putins dritter Amtszeit regelmäßig aufgegriffen – und bis heute immer aggressiver verbreitet, auch in Verbindung mit den geopolitischen Zielen Russlands. In einer breit wahrgenommenen Rede im Jahr 2022 etwa stellte Putin die rhetorische Frage, ob man in Russland wirklich „Elternteil Nummer eins, Nummer zwei, Nummer drei“ anstelle von Mutter und Vater haben wolle – und ob Kinder in Schulen etwas über „Perversionen“ lernen sollten? Dabei folgte die gesamte Rede einer klaren Dramaturgie, in der der Westen zunächst zum Feind erklärt und Russland als Beschützer vor diesem Feind präsentiert wurde.
Die kurze Einlassung gegen queere Eltern diente Putin dazu, sexuelle Vielfalt und gleichgeschlechtliche Liebe zu attackieren – und das ist kein Nebenschauplatz. Was hier passiert, folgt der Idee, dem entworfenen Image des Friedensstifters eine weitere Facette hinzuzufügen: von Russland als dem Bewahrer „traditioneller Werte“. Mehr noch: In seinen Darlegungen machte Putin daraus eine existenzielle Frage und beschwor einen Clash der Kulturen, indem er in wenigen Pinselstrichen ein Schreckensszenario entwarf, in dem er LSBTIQ*-Personen als abnorm wertete und ihnen ein angebliches „Aussterben“ der Menschheit zuschrieb.
Eine Rede wie diese ist richtungsweisend für die täglich produzierte Propaganda im In- und Ausland. Darin soll Russland bewusst als Antagonist eines dekadenten und dem Untergang geweihten Westens erscheinen – als Gegenentwurf zu einem „Gayropa“, wie es in der russischen Propaganda oft heißt.
In der Propaganda bildet sich dabei ein Amalgam heraus, in dem die Idee einer „traditionellen Familie“ nur einen Teil einer viel umfassenderen Weltanschauung darstellt: Es ist der Versuch, Russland klar abzugrenzen vom vermeintlich verkommenen Westen und es als letzten Hort des Guten zu mythisieren. Die Propaganda, die täglich auch hierzulande ankommt, bezieht sich darauf in zahlreichen Variationen und stellt Russland als „Beschützer vor Faschismus“, als „Friedensstifter im Krieg gegen die Ukraine“ und eben als „Bewahrer von Tradition“ dar.
„Verkehrungen ins Gegenteil“: Die Sprache der Propaganda
„Homosexuelle Propaganda“, „Gayropa“, … in dieser, ihrer Sprache zeigt sich ein bewährtes Muster russischer Propaganda, die stets eine „Verkehrung ins Gegenteil“ (Sylvia Sasse) vornimmt. Diese rhetorische Umkehr schafft eine alternative Wirklichkeit: Täter erscheinen als Hüter einer bedrohten Ordnung, Unterdrückte als Gefahr.
Wenn in Russland nicht von queeren Menschen und Individuen die Rede ist, sondern von einer „LGBTQ-Bewegung“, wird aus Individuen mit Rechten eine anonyme agitierende Masse, aus Lebensweisen eine politische Strategie, aus Sichtbarkeit eine Bedrohung. Die Sprache entzieht den Menschen ihre Körperlichkeit und ihre Verletzlichkeit. Sie ersetzt sie durch ein abstraktes Gebilde und lässt den Angriff auf LSBTIQ*-Personen als legitime Verteidigung erscheinen: So hat das Oberste Gericht im November 2023 die „LGBTQ-Bewegung“ als extremistisch verboten.
Selbstverständlich gibt es eine solche Organisation nicht, auch nicht in Russland. Vielmehr wird hier sexuelle Identität in eine „extremistische“ Ideologie verkehrt und damit die Repression legitimiert. Die Grundlage dafür schafft die rhetorische Umkehr: Täter erscheinen als Hüter einer bedrohten Ordnung, und diejenigen, die eigentlich unterdrückt werden, als Gefahr.
Knapp zehn Jahre zuvor hatte Russland 2013 „homosexuelle Propaganda“ per Gesetz verboten. Auch dieser Begriff deutet Identität in Ideologie um. Wer sein Ich als queere Person lebt oder garoffen zeigt, wird bezichtigt „Propaganda“ zu treiben, wer sichtbar ist, wird der „Verführung“ verdächtigt. Auf diese Weise wird Aufklärung zur Propaganda erklärt und Ausgrenzung von queeren Menschen als Prävention inszeniert. Die Freiheit und Menschenrechte von Minderheiten wird unter dem Vorwand eingeschränkt, dass Kinder geschützt werden müssen und eine – nicht näher definierte — Moral verteidigt werden soll.
Die administrative Nüchternheit dieser Begriffe verschleiert ihren gewaltvollen Charakter. In dieser sprachlichen Umkehr liegt der eigentliche Trick der Propaganda: Sie verwandelt Diskriminierung in Regulierung und macht Unterdrückung zu einer Frage technischer Ordnung. Aus einer Frage der Menschenrechte wird ein Problem der Sicherheit.
Diese Sprache bleibt nicht folgenlos. Nach Verabschiedung des Gesetzes 2013 etwa verdreifachte sich bis 2020 die Anzahl der Gewalttaten gegen queere Menschen in Russland. Die politischen Fortschritte in der Gleichstellungspolitik in europäischen Gesellschaften der vergangenen Jahre, nimmt man in Russland zum Anlass, um diese Länder landläufig als besagtes „Gayropa“ zu verpönen. So sieht das Hintergrundrauschen aus, das die offizielle russische Politik gegen LSBTIQ*-Personen begleitet.
Und seit Eintreten für LSBTIQ* als „extremistisch“ verboten wurde, sind queere Menschen nicht nur in der russischen Öffentlichkeit, sondern auch im Privaten zunehmend bedroht. Die Stimmung im Land ist vergiftet: Laut einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungszentrums Lewada gaben ein Jahr nach dem „Extremismus“-Urteil 44 Prozent der Befragten an, vor queeren Menschen Angst zu haben oder ihnen sogar mit Abscheu zu begegnen.
Propagandistische Zuspitzung: „Hüter traditioneller Werte“ vs. „Gayropa“
Bevor die queerfeindliche Politik 2013 russlandweit Einzug hielt, sagten so etwas immerhin schon 27 Prozent der Menschen. Bereits bestehende Ressentiments haben sich demnach drastisch verschärft. Massiv befeuert wird diese Einstellung von der Propaganda, auch das zeigen die Daten – und das schon lange vor Beginn der Vollinvasion Russlands in der Ukraine.
Ein Beispiel dafür ist ein anonymer Werbespot, der vor der Präsidentschaftswahl in Russland 2018 viral ging. Darin lehnt ein Familienvater es zunächst ab, wählen zu gehen: „Als ob sie das ohne dich nicht schaffen würden“, sagt er zu seiner Frau. Darin schwingt mit, was vielen Menschen in Russland bewusst ist: nämlich, dass der Wahlausgang tatsächlich schon von vornherein feststeht.
Doch in der Nacht wird er von Albträumen heimgesucht: Zunächst stehen drei Armeeangehörige vor seiner Tür, die den 52-Jährigen zum Militärdienst abholen wollen. Dann sitzt eine geschminkte Person in rosa T‑Shirt und mit Nagelfeile bei ihm am Küchentisch. „Was soll der Scheiß?!“ will der aufgebrachte Familienvater wissen. Das ist „unser Schwuler in Pflege“, erklärt ihm seine Ehefrau, den man von Gesetz wegen nun für eine Woche aufnehmen müsse, einer, „der von seinem Partner verlassen wurde“. Die Botschaft, der Westen wolle Russland in die Knie zwingen, ertönte seit 2014 immer lauter; Polittalkshows des staatlichen Fernsehens sollten 2018 die Menschen motivieren, wählen zu gehen. Die Message des Werbespots, gedreht mit dem beliebten Komiker Sergej Burunow, könnte sein: Geh wählen, und zwar für Putin, sonst hast du Krieg vor der Tür und „Gayropa“ am Küchentisch. Oder: Auch wenn du nicht wählst und der Wahlausgang sowieso schon feststeht: Es gibt keine Alternative zu Putin und seiner Politik. Alles andere würde Russland in Krieg und Verderben stürzen.
In bewährter „Verkehrung ins Gegenteil“ stellt Russland seinen tatsächlichen Krieg gegen die Ukraine, den es seit 2014 führt und heute als „Spezialoperation“ bezeichnet, als „Verteidigung“ eben genau dieser „traditionellen Werte“ dar – wie Putin in seiner oben genannten Rede 2022. Die anti-queere Erzählung dabei ist kein reines Binnenprodukt. Der Kreml exportiert sie gezielt ins Ausland – und zwar angepasst an die unterschiedlichen Gesellschaften.
Mandy Ganske-Zapf*, Tamina Kutscher**
*Mandy Ganske-Zapf arbeitet als freie Journalistin zu Osteuropa und speziell zu Russland. Sie beschäftigt sich vor allem mit Politik, Medien(un)freiheit und Gesellschaft. Ihre Beiträge sind bisher u.a. erschienen bei Frankfurter Rundschau, Magdeburger Volksstimme, Publik-Forum, beim MDR und bei dekoder.org, mgzapf.de.
**Tamina Kutscher ist freie Journalistin, Dozentin und Moderatorin. Von 2016 bis 2023 war die studierte Slawistin Gründungs-Chefredakteurin der Medien- und Wissenschaftsplattform „dekoder – Russland und Belarus entschlüsseln“ (Grimme Online Award 2016 & 2021). tamina-kutscher.de.
Anfang 2024 haben beide das Medienbildungsprojekt #UnfollowPropaganda initiiert: Seitdem sind sie bundesweit an Schulen unterwegs, um Wissen, Fakten und Einblicke zu russischer Propaganda und Desinformation zu vermitteln – dank eines Stipendiums der Marion Dönhoff-Stiftung und in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt.
Mehr unter unfollow-propaganda.de
Teil II: Anti-queere Propaganda nach Maß — der Kreml und die Albträume Europas
Hintergrundinfos und Links:
Eine Publikation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung im Rahmen des Projekts: „Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“.
Zum Weiterlesen:
Baumann, F. (2022). Und warum „Entnazifizierung“? Wird die Ukraine von Nazis regiert?
Braden, B. (2022). So hetzten russische Talkshows im Auftrag des Kreml [Interview mit Tamina Kutscher].
Fuhrmann, L. (2023): Propaganda auf TikTok. „Deutsche“ Inhalte produziert von russischen Staatsmedien.
Ganske-Zapf, M., & Kutscher, T. (2024). Täglich grüßt die „Zombiekiste“ – Die Propaganda des russischen Staatsfernsehens, in: Löffelholz, Martin; Schleicher, Kathrin; Trippe, Christian F.: Krieg der Narrative. Russland, die Ukraine und der Westen. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 47–62.
Ganske-Zapf, M. (2018). Internet in Russland: Wie Aktivisten gegen Sperren und Zensur kämpfen.
Ganske-Zapf, M. (2021). Russisches Magazin vor dem Kadi.
IWMVienna (2017, 23. Juni). Ivan Krastev, Peter Pomerantsev: Truth in Times of War – and the New War on Truth [Video].
Kaltseis, M. (2022). TV-Talkshows als Propagandainstrument Russlands im Ukrainekonflikt (2014). Berlin: De Gruyter.
Kutscher, T. (2023). Die russische Medienlandschaft. Propaganda und Exil.
Pomerantsev, P., & Weiss, M. (2014). The Menace of Unreality. How the Kremlin weaponizes Information, Culture and Money, A Special Report by The Interpreter, a project of the Institute of Modern Russia. New York: Institute of Modern Russia.
Pomerantsev, P. (2015). Nichts ist wahr und alles ist möglich. Abenteuer in Putins Russland. München: DVA
Schnack, T., & Weber, C. (2022). Kriegspropaganda im russischen TV. Putins Fernsehsoldaten. Die Publizistin Tamina Kutscher über den Propagandafeldzug des Kreml.




