Ist das noch politisch?

Editorial der neuen respekt! zum Start der CSD-Saison

In Dresden, Hamburg, Magdeburg und Mainz hat sich der LSVD am Internationalen Tag gegen Homophobie mit flashmobs beteiligt. Auch unsere Partner in St. Petersburg waren dabei. Vor Rathäusern und auf großen Plätzen wurden Hunderte von Luftballons steigen gelassen. Niemand fragte, ist das denn politisch? In Minsk wurde die Aktion mit dem Verweis auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit untersagt, am gleichen Tag verbot auch Moskau, die für den 28. Mai geplante Pride Parade. Ljudmila Schwezowa, Bürgermeisterin von Moskau heuchelte, sie sei um die Sicherheit der teilnehmenden „sexuellen Minderheit“ besorgt. Es kümmert sie auch nicht, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das letzte CSD-Verbot in Moskau als diskriminierend und rechtswidrig verurteilt und dem Organisator der Parade Nikolai Alekseev in allen Punkten Recht gegeben hat.

Die Religiösen unterstellen sexuelle Motive und wollen keine Demonstration der Selbstbestimmung von Körpern und Liebesformen. Aber woher kommt die Angst der politischen Eliten? Sie könnten doch beruhigt sein: Homosexuelle werden immer in der Minderheit bleiben und sind viel zu wenig anerkannt, um revolutionäre Massen zu mobilisieren. Vielleicht wirkt Homosexualität so bedrohlich, weil sie nicht wegzukriegen ist. Weder durch Verfolgung oder Ächtung, nicht durch die Privilegierung der Heterosexuellen und auch nicht durch Umerziehung oder soziale Reformen. Es ist diese Penetranz des Beharrens, die Angst macht. Die öffentliche Darstellung der Eigenständigkeit des Liebens und diese unverbindliche Gemeinschaftlichkeit, die sich einstellen kann, wenn Lesben, Schwule und Transsexuelle tanzend und küssend durch die Straßen ziehen, ist allen Diktatoren, Ideologen und Demagogen ein Dorn im Auge.

Sollen wir den CSD feiern, fragten im März zwei junge Lesben aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, die Teilnehmenden einer internationalen Lesbenkonferenz in Dresden. Eigentlich sei die Parade für sie wichtig, aber es gäbe so viel Kritik: von der Stadt, der politischen Rechten und der Szene. Es fehle an Zuspruch und Ermutigung.

Der Sommer kommt und mit ihm die CSD-Saison in Deutschland. Zufällig, geradezu anarchisch folgt eine Stadt nach der anderen. Manche CSDs werden von Regenbogenfahnen an Rathäusern oder Landtagen begleitet, manche von prominenten Gästen begrüßt, manche vom LSVD organisiert und manchmal laufen wir nur mit. Und die Frage wird wieder kommen: Ist der CSD noch politisch? Sie stellen zu können, ist auch Ausdruck der Sicherheit, hier nicht von willkürlichen Verboten betroffen zu sein. Eine politische Freiheit, die wir pflegen sollten, mit Paraden, flashmobs und vielem mehr.

Es gibt den CSD nicht im Singular. Jeder ist anders. Unvergleichbar die Orte, die Teilnehmenden, das Publikum und die Ausstattung. In Saarbrücken haben Diskussionen vor aufmerksam Zuhörenden und das jährlich wiederkehrende Nachfragen dazu geführt, dass die saarländische Verfassung ergänzt wurde. In Stuttgart wird die Parade erstmalig einen Ministerpräsidenten begrüßen dürfen, nach Jahren der Ignoranz durch vorige Landesregierungen. In Berlin ziehen die Demonstrierenden an tausenden aufgeregten Touristen vorbei. Da richten gut gekleidete Hetero-Pärchen (die sich zur Sicherheit noch mal schnell an den Händen ergreifen) ohne jede Scham ihre Kamera auf die Teilnehmenden. Überall gibt es diese Gaffer, die zwischen Sensationslust und Ekel schwanken. Ihnen sollten wir es zeigen: Einfach ganz normal richtig küssen. Keine Frage, das ist unverzichtbar und hochpolitisch.

Der LSVD wünscht allen Tanzenden, Küssenden und Mitlaufenden eine wunderbare, lustige und politisch erfolgreiche CSD-Saison.

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Renate Rampf, Pressesprecherin des LSVD



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